Neulich … unterwegs … mit der Deutschen Bahn

 

Ich bin bekennender Bahnfahrer. Tausende von Kilometern habe ich in den vergangenen Jahren in den Zügen der DB zurückgelegt, und es war - fast - immer gut. Es ist entspannter, von der Nordseeküste nach Berlin oder von der Hauptstadt mit einem ICE nach München zu reisen, als diese Strecken mit dem Auto zu fahren. Die Erfahrungen des gestrigen Tages allerdings …

 

Die Hinfahrt

Wann setzt sich dieser Zug endlich in Bewegung? Markdorf, 5.14 Uhr. Ich sitze in der RB 31 nach Friedrichshafen Stadt. Ich habe einen Termin in Berlin um 13 Uhr. Um 12.25 Uhr soll ich fahrplanmäßig am Hauptbahnhof sein, aber wenn es nicht bald los geht, ist die Reise schon beendet, bevor sie überhaupt angefangen hat.

5.27 Uhr soll der Zug in Friedrichshafen ankommen, 5.43 Uhr soll es weitergehen nach Ulm mit der RE 5. Ich bin noch relativ entspannt, weil ich ausreichend Umsteigezeit habe, aber verstehen kann ich diese Verzögerung nicht. Ein entgegenkommender Zug wird abgewartet. 5.24 Uhr jetzt. Endlich geht es los, aber zwei Stationen vor Friedrichshafen Stadt hält die Regionalbahn 31 schon wieder. Erneut die Ansage, dass ein entgegenkommender Zug abgewartet werden muss. Das kann doch nicht wahr sein!, denke ich. Die Umsteigezeit reduziert sich auf drei Minuten. Würde auch noch klappen, schließlich ist Friedrichshafen Stadt nicht der Berliner Hauptbahnhof, ein Gleiswechsel ist schnell erledigt.

Tatsächlich stehe ich vor der Abfahrt der RB 5 am Gleis. Aber: Der Zug kommt nicht. Er wird angekündigt, aber er kommt einfach nicht. Zehn Minuten vergehen. In Ulm muss ich umsteigen. Dafür bleiben mir sechs Minuten. Kann ich vergessen bei dieser Verspätung. Warum fährt die DB morgens um halb sechs zehn Minuten Verspätung ein, zumal der Zug hier eingesetzt wird, also von „Verspätung einfahren“ nicht die Rede sein kann? Der Stresspegel steigt. Die Verzögerung, die sich auf elf Minuten addiert, wird erklärt mit einer „verspäteten Bereitstellung des Zuges“. Nun, das ist offensichtlich. Aber warum? Eine sichtlich genervte Zugbegleiterin, die sich lange Zeit mit einem Fahrgast unterhält, der in der vorangegangenen Woche viermal zu spät zur Arbeit gekommen ist, weil die Züge nicht pünktlich fuhren, erklärt, dass es jemand in Friedrichshafen versäumt hat, die Ampel von „Rot“ auf „Grün“ zu stellen, sodass der Zugführer nicht weiterfahren konnte. Durfte. Hallo, lieber Verantwortlicher für dieses Malheur! Ist Ihnen klar, dass in diesem Zug viele Menschen sitzen, die umsteigen wollen und müssen, es aber aufgrund Ihres Verhaltens nicht schaffen werden?

Ich habe einen Kloß im Hals. Den Anschluss in Ulm werde ich nicht erreichen. 6.56 Uhr IC 891 Richtung München. In Augsburg müsste ich umsteigen. Ob die Zugbegleiterin die Verspätung nicht ansagen könne, um das Warten des IC zu gewährleisten? Sie zeigt mir den Display ihres Arbeitsgerätes, sagt, dass sie keine Verbindung herstellen könne. Ich suche nach einer Ausweichverbindung. Ich könnte später von Ulm nach München fahren, von München nach Berlin, wäre dann aber später in Berlin, was nicht gut ist, weil ich noch am gleichen Tag zurück nach Markdorf will. Ich bin ziemlich sauer. Irgendjemand schaltet die Ampel nicht um. Ich fasse es nicht! Die Verspätung reduziert sich auf auf fünf Minuten. 6.54 Uhr kommen wir in Ulm an, 6.56 Uhr fährt auf Gleis 4 der IC nach München ein. Geschafft! Geschafft! Durchatmen. Runterkommen. 7.40 Uhr pünktlich in Augsburg. 7.46 Uhr geht es weiter mit dem ICE 802 nach Berlin. Die Auslastung ist gering. Alles sehr entspannt, ich werde pünktlich in Berlin sein, buche meine Rückfahrt für 15.37 Uhr.

 

Die Rückfahrt

Auf Gleis 1 des Berliner Hauptbahnhofes steht der Intercity 709 nach München abfahrbereit. Der Weg führt zunächst nach Donauwörth, von dort weiter nach Ulm, Ulm umsteigen nach Friedrichshafen. Schließlich wieder mit der RB 31 nach Markdorf. Wenn alles glatt läuft, bin ich um 22.51 Uhr in Markdorf. Ich bin ziemlich müde, weil am Morgen schon um vier Uhr aufgestanden. Jetzt wartet noch die Rückfahrt auf mich, und ich hoffe auf eine reibungslose Reise ohne Verzögerungen. Die Erwartung erfüllt sich nicht, denn in Bamberg hindert eine gestörte Signalanlage den Zug am Weiterfahren. Zwanzig Minuten Standzeit. In Donauwörth habe ich eine Umsteigezeit von 22 Minuten. Das wird knapp. Schließlich fährt der ICE 709 langsam, langsam weiter bis zum nächsten Signal, das nicht gestört ist. Dadurch wird die Verspätung noch größer, und der Umstieg in Donauwörth ist dahin. Der Zugbegleiter bittet alle Fahrgäste Richtung Ulm und Radolfzell, in Nürnberg umzusteigen, um 19.42 Uhr den IC 2060 nach Aalen zu nehmen, Umsteigen nach Ulm … Ich verlasse den ICE in Nürnberg, gehe zum Gleis 15. Mein Ankommen in Markdorf wird sich um eine Stunde verzögern. Vorausgesetzt, alle Anschlüsse werden erreicht, denn 23.31 Uhr fährt die letzte RB 31 an diesem Tag in Richtung Singen. Ich warte … warte … warte …

Der IC 2060 bewegt sich nicht. Wenn ich in Aalen den Umstieg verpasse, komme ich nicht mehr nach Markdorf. Verdammt, warum fährt dieser Zug nicht los? Die Verzögerung wird mit „betriebliche Maßnahmen am Zug“ begründet, weil er sieben Tage auf dem Abstellgleis stand und jetzt nicht fahren mag. Meine Güte! Schließlich: Bewegung. Umsteigezeit in Aalen: eine Minute. Ich mache den Zugbegleiter darauf aufmerksam, dass ich nicht mehr an meinen Zielort gelange, wenn ich den Zug nach Ulm nicht bekomme in Aalen. In diesem Fall darf ich mir ein Hotel in Aalen nehmen. Die Kosten übernimmt die DB. Müsste ich erst auslegen und dann per Fahrgastrechteformular zurückholen. 20.56 Uhr gibt eine Zugbegleiterin bekannt, dass über den Anschluss in Ulm keine Informationen vorliegen. ??? Wartet der Zug nun oder nicht? 20.58 Uhr schließlich die Mitteilung: Der Zug wartet auf Gleis 5. Na wenigstens das!

Viele, viele Menschen wollen diesen Zug bekommen. Sie laufen, weil sie aufgefordert wurden, zügig umzusteigen. Das finde ich frech. Ein sieben Tage auf dem Abstellgleis wartender Zug, der nicht einsatzfähig ist führt zu einer Verspätung, dessen Folge die Fahrgäste dadurch kompensieren sollen, dass sie ihre XXL-Koffer in Hast und Eile die Treppen hochwuchten, um den Anschluss zu bekommen.

Ich sitze im IRE 50 nach Ulm. Müde. Noch müder, aber es liegen noch drei Stunden vor mir. In Ulm habe ich 23 Minuten Zeit für den Umstieg, aber in der DB-App wird die Abfahrt des Zuges nach Friedrichshafen mit einer Verspätung von fünf Minuten angezeigt, statt 22.19 Uhr 22.24 Uhr. Der Anschluss in Friedrichshafen wird mit „kritisch“ bezeichnet. Aber der RE 5 nach Lindau fährt pünktlich ab. Doch, wundern kann es nicht mehr, die RB 31 ist um 23.45 Uhr immer noch im Bahnhof Friedrichshafen, mit laufendem Motor, aber ohne Bewegung. 23.46 Uhr, mit fünfzehn Minuten Verspätung fährt sie los. Das erlebe ich jetzt zum zweiten Mal innerhalb einer Woche. Wenn die verspätete Abfahrt Standard ist, wird es wohl Zeit für ein Umschreiben der Fahrpläne. Oder? Kurz vor Mitternacht bin ich wieder in Markdorf.

 

Fazit: Ich bin an diesem Tag in neun Zügen der DB unterwegs gewesen. Fünf von ihnen waren verspätet. Am Morgen habe ich damit gerechnet, meine Reise nach Berlin schon in Ulm abzubrechen und wieder zurückzufahren, womit die Kosten für die Fahrkarte nach Berlin unter „außer Spesen nichts gewesen“ hätten gebucht werden können. Die Mitarbeiter der DB waren alle freundlich und bemüht, aber die ständige Anspannung durch die beschriebenen Verspätungen, die ein Ankommen am Reiseziel, erst Berlin, dann auf der Rückfahrt Markdorf, nicht möglich erscheinen ließen, haben diesen Reisetag sehr, sehr anstrengend werden lassen.

Das System, das es Menschen ermöglicht, mit Zügen zu reisen, ist enorm komplex. Ich finde es bewundernswert, dass ein ICE von Hamburg nach München fährt und auf die Minute pünktlich jeden Bahnhof auf der Strecke anfährt. Das ist eine großartige Leistung aller Menschen, die an diesem Unternehmen beteiligt sind, für die ich mich an dieser Stelle ausdrücklich bedanken möchte! Es ist ein tolles Angebot an und für alle, die auf diese Weise beruflich oder privat reisen wollen. Deshalb bin ich auch weiterhin bekennender Bahnfahrer. Trotz der Unbilden des gestrigen Tages.

 

Oder ist es jetzt doch einmal Zeit für ein Auto?

 

Dezember 2021

Copyright 2021 Hubertus Tigges

 

 

 

 

 

Neulich … mit einem guten Freund 

 

Oh happy day …

 

„Mein Geburtstag. Interessiert niemanden“, sagt mein Freund und schaut mir direkt in die Augen.

„Das stimmt nicht“, sage ich. „Habe dir eine Karte geschrieben, dich angerufen. Wäre mit dir essen gegangen, wenn du hier gewesen wärst.“

„Mm …“, macht mein Freund.

„Oder wandern, meinetwegen“, füge ich hinzu. „Aber du wolltest ja bei deiner Tochter sein.“

„Wie jedes Jahr“, sagt er.

„Ist doch in Ordnung“, sage ich. „Da gehörst du doch hin. Wenn deine Tochter nicht zu dir kommt, fährst du eben zu deiner Tochter.“

„Wie jedes Jahr“, sagt er.

„Eben“, seufze ich, „wie jedes Jahr.“

„Seit acht Jahren“, sagt er. Er legt die Stirn in Falten. „Wann haben wir … wir … die Mutter, die Tochter, ich meinen Geburtstag gemeinsam gefeiert? Vor Ewigkeiten“, sagt er.

 

Der Rucksack. Darin: der Laptop, vier Bücher. In die ich nicht ein einziges Mal schauen werde. Eine Thermoskanne mit grünem Tee. Zwei 0,5-Liter-Wasserflaschen. Eine blaue Brotbox. Eine Din-A großes Kladde. Schreibzeug. Ohropax. Ein Schweizer Messer. Dazu in einem kleinen Rucksack Wechselkleidung: eine Hose, zwei T-Shirts, Strümpfe, Unterhosen. Ich will keine zwei Gepäckstücke mitnehmen, aber die Klamotten bekomme ich nicht mehr in den großen Rucksack. Um vier Uhr in der Nacht bin ich wach. Quäle mich mit Gedanken an drohende Wohnungslosigkeit. Anstatt aufzustehen, lasse ich es zu, dass die Panik den Körper attackiert. Ich lege die Hände auf meinen Bauch, auf mein Herz. Um halb sechs stehe ich auf. Koche Kaffee, Tee, schmiere Brote, vermeide den Blick aus dem Fenster auf das Wohnsilo gegenüber.

Mittlerer Cappuccino und eine Pekanustasche bei LeCrobaq am Ostbahnhof. Koffein. Zucker. Fett. Intervallfasten ist heute gestrichen.

 

„Steige lieber am Ostbahnhof ein“, sagt mein Freund. „Der Zug fährt durch den Westen. Wolfsburg, Hannover. Muss ich nicht zum Hauptbahnhof.“

 

Obwohl ich seit vier Uhr wach bin, ist keine Müdigkeit zu spüren. Ich korrigiere einen Text. Umsteigen in Hannover. Der Anschluss hat etwas Verspätung, sodass ich noch die Möglichkeit habe, im Tee Handelskontor Bremen eine Packung Grüntee zu kaufen.

 

„Himmelstau“, sagt mein Freund.

„Das Wort muss ich mir auf der Zunge zergehen lassen“, erwidere ich. „Himmelstau.“

„Das ist wirklich eine tolle Mischung: Grüner Tee Sencha, Aromen, Rosen-, Ringelblumen-, Kornblumenblüten. 5,20 Euro für hundert Gramm.“

 

Auf dem Weg nach Frankfurt bleibt der Zug eine halbe Stunde an einem kleinen Bahnhof stehen. Begründung: spielende Kinder im Gleis. Ich beobachte einen dicklichen Mann, der auf eine Stewardess einquatscht, kaum hat die sich in Hannover gesetzt und ihr Smartphone gezückt, und in gebrochenem Deutsch aus seinem Leben erzählt. Ungefragt. Die Frau nimmt es mit Gelassenheit. Scheint aber froh darüber zu sein, als am nächsten Bahnhof ein 2-Meter-Mann auftaucht, der den Sitz des Dauerquasslers reserviert hat und diesen somit vertreibt

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„Das ist die Geste unserer Zeit“, sagt mein Freund. „Das Smartphone aus der Tasche ziehen. Ist das Ziel, der Sitz- oder Stehplatz, der Stuhl in einem Café oder Restaurant, erreicht, erfolgt der Griff in die hintere Hosentasche und das Telefon wird gezückt. Die E-Mails oder SMS oder die Mitteilungen aus den sozialen Netzwerken gecheckt. Oder was auch immer … Wo ist übrigens deins?“

„Im Rucksack“, sage ich.

„Willst du es nicht rausholen?“

„Wozu? Um das zu machen, was alle machen“, sagt er.

„Was glaubst du, wie oft ich schon auf der Fähre stand und der Versuchung widerstehen musste, das Ding in die Nordseewellen zu werfen.“

„Warum hast du es nicht getan?“

„Umweltverschmutzung“, sage ich.

Mein Freund lacht. „Alles klar … Umweltverschmutzung …“

 

Der Anschlusszug in Frankfurt ist fort, als unser ICE in den Bahnhof fährt. Kann ich also sitzenbleiben. Ist mir recht. Steige ich in Mannheim aus und um. Backshop. Einen großen Cappuccino und ein Käsebrötchen. Verzehre das alles im Untergeschoss des Bahnhofes. Rechts der Backshop, links eine Buchhandlung. Ich bin angespannt, verspannt, müde jetzt auch. Es ist ein schöner Spätsommertag. Herbstanfang ist bald. Corona-Sommer. Corona-Herbst. Das schwingt immer mit. Obwohl die Impfquote steigt. Maske, Desinfektionsmittel, Abstand halten, Dinge und Verhaltensweisen, die zum Alltag gehören. Die anstrengend sind. Die nie zum Alltag gehören werden.

 

„Habe mich wahnsinnig gefreut“, sagt mein Freund. „Den Rest des Tages mit meiner Tochter zu verbringen. Und natürlich den Folgetag. Meinen Geburtstag. Super-Wetter. Warm und sonnig. Und von Mannheim ist es ja nur noch ein Katzensprung.“

„Ins Glück“, sage ich.

„Ins erhoffte, gewünschte, ersehnte Glück, ja“, sagt mein Freund. „Mein Tochter ist mein Herz. Sie ist meine Seele. Sie ist ich, und ich bin sie.“

„Aber sie ist schwierig“, merke ich an.

„Schwierig? Nein, anders. Alles in ihr weitet sich. Ihr Geist ist aufnahmefähig. Er wird gespeist von dem, was die Schule ihr bietet und das Netz. Sie wandelt sich. Aus dem Kind wird ein jugendliches Mädchen.“

„Und damit beginnt sie, sich zu lösen“, sage ich.

„Abstand zu gewinnen. Buchstäblich“, meint mein Freund. „Im Urlaub weigerte sie sich, während der Fahrt mit dem Bus, neben mir zu sitzen. Sowas …“ Er schüttelt den Kopf. „Und ich habe immer folgendes Bild im Sinn: Sie läuft auf wackeligen Beinchen auf mich zu, ich nehme sie in den Arm, drehe mich mit ihr. Trage sie … trage sie“.

„Du wirst nie aufhören, sie zu tragen“, sage ich und denke an meine Tochter.

„Stimmt“, sagt er. „Aber schmerzhaft ist das. Dass sie im Bus nicht neben mir sitzen will. Was soll das?“

 

Das Hotel, in dem ich übernachte, kenne ich nicht. Habe es nur einige Male von der anderen Seite der Autobahn gesehen und gedacht: Na, das dürfte ziemlich laut sein dort. Aber die Herberge, in der ich meine Nächte sonst buche, hatte kein Zimmer mehr frei. Die Suche nach einer einigermaßen kostengünstigen Bleibe war mühsam. So bin ich hier gelandet. Doch bevor ich einchecke, hole ich meine Tochter ab. Bin kaum an der Tramhaltestelle, als die auch schon einfährt. Vor mir sitzt die junge Frau, die in dem Haus wohnt, in dem ich mir Wochen zuvor eine Wohnung angeschaut habe. Ich spreche sie an. Ich erzähle ihr, dass es leider nicht geklappt hat mit der erneuten oder nachträglichen Bewerbung. Schade, sagt sie. Mache ich aber nicht. Sie steigt aus, die Tram fährt an, ich schaue ihr nach.

 

„In der Wohnung bin ich noch nie gewesen“, sagt mein Freund. „Lauter kleine Demütigungen, die es hinzunehmen gilt seit Jahren. Ich stehe vor der Haustür, klingele. Über mir erscheint der Kopf der Mutter meiner Tochter, sagt „Hallo“ und „Maria kommt gleich.“

 

Sie trägt ihr Skateboard unter dem Arm. Eine große Tüte mit Anziehsachen und, wie es aussieht, einem Kuchen, nehme ich ihr ab. Eine Umarmung fällt aus. Davon hält sie auch nicht mehr so viel. Wir gehen zur Tramhaltestelle, von dort ist es nicht mehr weit bis zum Hotel. 157 Euro. Oder 171 Euro? Der Mann hinter der Rezeption macht die Rechnung fertig, gibt uns den Code für das Zimmer, und wir fahren hinauf in den vierten Stock. Das Zimmer ist angenehm groß, die Fenster weisen auch nicht zur Straße. Mit der Rechnung bin ich nicht zufrieden, denn auf booking.com hatte ich für 150 Euro gebucht. Ein Frühstück kommt noch hinzu für meine Tochter, also sollte der Rechnungsbetrag bei 157 Euro liegen. Nicht bei 171. Ich fahre noch einmal runter. Der Mann versucht mir klarzumachen, dass er den Preis schon richtig berechnet hat. „Wieso steht hier auf meiner booking.com-Quittung, dass 150 Euro der Preis ist, den ich in der Unterkunft zu bezahlen habe?“ Kurzer Wortwechsel, dann werden mir 14 Euro ausgezahlt. Immerhin. Macht ein blödes Gefühl, aber eine Preiszusage ist eine Preiszusage. Kann nicht sein, dass vor Ort dann neu verhandelt wird.

Meine Tochter hat einen Kuchen gebacken. Toll! „Backmischung“, sagt sie. „Egal“, sage ich. „Vielen Dank.“ Schokokuchen, von dem wir gleich ein Stück essen.

 

„Hat super geschmeckt“, sagt mein Freund. „Ich wollte noch in die Stadt, mir ein neues Hemd kaufen. Duschgel. Zur Bank müsste ich auch noch. Ich packte meine Sachen aus, verstaute sie im Regal, mein Kind lag derweil auf dem Bett und schaute Youtube-Videos.“

 

Eine Stunde später gehen wir vom Hotel in die Einkaufsstraße der Stadt. Zu Fuß. Der Müller-Drogeriemarkt ist riesig. Wir fahren von einem Stockwerk ins nächste und wieder herunter, weil wir nicht gleich finden, was ich suche. Luftschlangen zum Beispiel. „Wir machen eine richtige Feier“, sage ich zu meiner Tochter. „Mit Luftschlangen?“, fragt sie. „Genau, unter anderem“, sage ich. Aber ich finde keine Luftschlangen. Das mit der „richtigen Feier“ geht dann auch an mir vorbei. Stattdessen suche ich nach einem Duschgel und anderen Kleinigkeiten. Das macht meine Tochter nervös. „Ich warte draußen“, sagt sie und verlässt die Drogerie.

 

„Auch wieder so ein Ding“, sagt mein Freund.

„Wenn ihr etwas nicht gefällt, drückt sie es aus“, sage ich. „Ist doch in Ordnung.“

„Weiß nicht“, meint mein Freund. „Kurz warten im Geschäft, mit mir, bei mir, ist das zu viel verlangt?“

 

Sehr, sehr viele Menschen gehen durch die Fußgängerzone, Einkaufs-, Shoppingmeile. Einige tragen Masken, die meisten jedoch nicht. Eine Gruppe von Streetdancern hat Pappen auf den harten Stein geklebt und bietet dem staunenden Publikum erstaunliche Kunststücke. Die jungen Männer wirbeln auf dem Rücken oder gar auf dem Kopf herum, verrenken Arme und Beine in wilden Figurenkombinationen. Sie bekommen viel Applaus von den Menschen, die sich im Halbkreis aufgestellt haben. „Können wir weitergehen?“, fragt meine Tochter nach einer Weile, nachdem sie zwei Euro in einen Plastikbecher geworfen hat als Honorar für die gelungenen Darbietungen der Jungen.

 

„Das Schöne ist das Andere“, sagt mein Freund. „Das Wundervolle ist, etwas an ihr zu erleben, das vollkommen neu ist. Was ich bisher in dieser Form noch nie erlebt habe. So war das bei C & A.“

„Dein Style ist echt langweilig“, sagt meine Tochter. „Hier schau mal, ich habe ein T-Shirt für dich, das passt perfekt.“

„O.k.“, sage ich. „Kann ich ja mal anprobieren.“

„Und das hier“, sagt sie und zeigt mir ein weißes T-Shirt mit einem Totenkopf, unter dem in schwarzen Großbuchstaben steht: Death Zone.“

„Auweia“, bemerke ich. „Das soll für mich sein.“

„Ja, Papa, da kriegst du endlich einen neuen Style.“

Mein Freund lacht. „Die herausgestreckte Zunge“, sagt er. „Die Rolling Stones. Ein Tour-Plakat aus dem Jahre … was weiß ich. Aber das Symbol für die Stones. Das sollte ich anziehen.“

„Wundervoll, dieser Besuch bei C & A!“ Wieder lacht mein Freund. „Ich habe alles anprobiert. Die T-Shirts, ein Kapuzenshirt, eine Schlabberhose, eine Lederjacke, dazu eine Schiebermütze. Wir haben uns schief gelacht und die Leute unterhalten. Was soll ich sagen: Es macht was mit einem. Kleidung, meine ich, macht was mit dir!“

„Ach“, sage ich mit ironischem Unterton, „was du nicht sagst.“

„O.k.“, sage ich, „das Kapuzen-Shirt nehme ich. Die Hose finde ich auch gut …“

„Nein! Auf keinen Fall!“, widerspricht meine Tochter. „Die steht dir überhaupt nicht!“

„Aber die Lederjacke!“

„Nein“, sagt meine Tochter. „Niemals!“

Ich kaufe ein Hemd - „Voll langweilig!“ nach dem Urteil meiner Tochter, und das grau-weiß-schwarze Kapuzenshirt. Wir gehen wieder hinaus, Richtung Thalia-Buchhandlung. „Kaufst du mir ein Manga?“, fragt meine Tochter.

„Mache ich“, sage ich. Sie verschwindet nach unten in die Kinderbuchabteilung, kommt kurze Zeit später mit einem Manga wieder die Treppe hinauf. Ich bezahle, und schon stehen wir wieder in der Spätsommersonne.

Die Streetdancer sind immer noch aktiv. Bemerkenswerte Kondition. Erneut bleiben wir stehen, um dem Spektakel zuzuschauen. Das machen sie wirklich gut. Es gibt einen Jungen, der die Kommunikation mit dem Publikum übernommen hat, das begeistert auf seine Ansprache eingeht.

„Kaufst du mir noch einen Bubbletea?“, fragt meine Tochter.

„Auch das“, sage ich.

 

„Bubbletea ist ein Kaltgetränk, in dem unzählige gelartige bunte Kugeln schwimmen, die extrem süß sind und offenbar das Aroma des Tees enthalten, für dessen Geschmacksrichtung sich der Kunde entscheidet.“

„Hört sich nicht sehr gesund an“, sage ich.

„Ist es bestimmt auch nicht“, erwidere ich.

„Aber bisher scheint es doch sehr entspannt gewesen zu sein“, sage ich.

„War es auch“, erwidert mein Freund. „Wir sind wieder zu Fuß zum Hotel zurückgegangen. Zwischenstopp bei Edeka, um noch Essen und Trinken für den Abend zu kaufen. Sushi, Mezzo-Mix, Kartoffelchips.“

„Vorabend-Geburtstagsessen“, sage ich.

„Genau“, sagt mein Freund. „Wir haben all das ungesunde Zeug gefuttert, danach ist meine Tochter wieder ins Netz abgetaucht, und ich bin durch die Sonnabendprogramme gezappt. Um 22 Uhr ging das Licht aus.“

 

„Happy birthday to you, happy birthday to you“, singt meine Tochter etwas gelangweilt, als ich aus dem Badezimmer komme. Sie liegt auf dem Bett, das Smartphone in der Hand. Sie schenkt mir ein Bild, das sie selbst gemalt hat. „Frühstück“, sage ich. Wir haben uns für 9 Uhr angemeldet. Offenbar ist der Frühstücksraum etwas klein, sodass eine solche Anmeldung notwendig ist, um den reibungslosen Ablauf zu gewährleisten. Wir fahren mit dem Fahrstuhl hinunter in den Keller. Ein Frühstücksbuffet ist aufgebaut in einem kleinen Raum. Brötchen, Müsli, Saft, Kaffee, Obst. Der Raum ist tatsächlich sehr klein. Die Tische stehen eng beieinander. Ein Sicherheitsabstand von 1,50 Meter ist hier nicht gegeben. Ein Tisch ist noch frei. Wir setzen uns. Meine Tochter ist stockstarr. Sie schaut verlegen nach links, nach rechts. Vor ihr ein Teller mit einem Brötchen, Leberwurst und Butter. Die Maske liegt über Mund und Nase. Als sie das Brötchen zum Mund führt, schiebt sie die Maske herunter, beißt ab, schiebt die Maske wieder hoch, kaut. Langsam. Sehr langsam. Oh weia, denke ich. „Was ist los?“, fragte ich sie. Sie schaut mich nur an. „Wenn es dir so unbehaglich ist hier“, sage ich, „kannst du auch ins Zimmer gehen.“ - „Wirklich?“, fragt sie. - „Ja, das ist in Ordnung“, erwidere ich. Sie steht auf und verlässt den Raum. Ich bleibe und frühstücke, unterhalte mich noch mit den beiden Hotelgästen am Nachbartisch und gehe schließlich wieder hinauf ins Hotelzimmer. Ich lege mich auf das Bett und öffne meine Geburtstagspost, schreibe Dank-SMS und versuche herauszufinden, wann wir am besten zum Zoo fahren können.

 

„Irgendwie war es für sie ein Opfer“, sagt mein Freund. „Dass sie meinen Geburtstag mit mir feiern sollte. Aber dann hätte sie ja auch gleich Nein sagen können.“

„Abstand?“, frage ich.

„Ne“, sagt mein Freund. „Bis zum Bahnhof sind wir sogar miteinander, nebeneinander gegangen. Im Bus hingegen setzte sie sich wieder allein. Das versetzte mir wieder einen Stich. Oh, Mann, dachte ich. Es ist doch mein Geburtstag. Kann das denn einfach ganz entspannt sein? Im Zoo dann eine teilnehmende Teilnahmslosigkeit.“

„Zoo ist nicht mehr cool“, sage ich.

„Nicht wirklich, nein. Dennoch änderte sich das von Gehege zu Gehege. Sie interessierte sich für die Tiere, Adler, Elefanten, Löwen, Seelöwen, und wir kamen in einen Austausch über das Gesehene, Erlebte. Das war gut. Bis ich meine Maske verlor. Ich bin zum Eingang, habe mir dort eine neue gekauft. Als ich zurückkomme, setze ich mich neben sie auf eine Bank unter einem großen Baum. Was passiert?“

Ich hebe eine Augenbraue.

„Ein Vogel kackt mir aufs Hemd. Halb so schlimm, denke ich, aber als ich es meiner Tochter zeige, sagt sie: `Manche Menschen haben aber auch immer Pech. Immer.` Und unausgesprochen: Zu diesen Menschen gehörst du. Das hat weh getan. Ich konnte nichts darauf erwidern. Es traf einen empfindlichen Punkt.“

„Hast dich als ewigen Pechvogel gesehen“, sage ich.

„Ja, das war es wohl.“

 

„Lass uns weitergehen“, fordere ich meine Tochter auf. Ich verdrehe meinen Kopf, um den Fleck auf meinem Hemd zu sehen. Die Kacke habe ich mit einem Taschentuch abgewischt. Ist nicht so viel zu sehen. Wir gehen am Affenhaus vorbei, weiter zu einem Bereich, in dem früher der Streichelzoo untergebracht gewesen ist. Wir setzen uns hin, machen Selfies. Als ich meiner Tochter ein Bild zeige, das ich von mir aufgenommen habe, sagt sie: „Ah, hässlich.“ Wieder ein Stich. Und wieder sage ich nichts.

 

„Hätte ich besser getan“, sagt mein Freund. „In einen Austausch kommen. Es mit Humor auffangen, weglegen. Konnte ich nicht. Vor dem Ausgang gibt es ein nettes Café. Aber es gab auch eine lange Schlange Wartender, sodass ich erst wieder rausgegangen bin. Zumal meine Tochter keinen Kuchen wollte, sondern Pommes. Die gab es an einer anderen Bude. Aber ich wollte Kuchen. Einen Cappuccino und ein Stück Geburtstagskuchen. Verstehst du?“

„Verstehe ich“, sage ich.

„Also bin ich nochmal rein in das Café. `Wollen wir uns hinsetzen?`, fragte ich meine Tochter. Und sie, schnippisch, genervt: ´Ich bin doch nicht getestet!`“ Da ist mir die Hutschnur gerissen, und es geschah das, was diesem Nachmittag, diesem Tag, seinen desaströsen Charakter verlieh: `Gut, dann gehen wir jetzt!`, sagte ich und stürmte aus dem Café, enttäuscht, wütend, verließ das Zoogelände und ging zur Bushaltestelle. Achtete nicht mehr auf meine Tochter! Schlimm! Sehr schlimm! Sie setzte sich auf einen Stein, schaute mit traurigem Gesicht zu mir, aber ich konnte nicht auf sie zugehen.“ Tränen in seinen Augen. „Oh, happy day!“, sagt mein Freund. „So eine gottverdammte Scheiße! Der Bus kam, wir stiegen ein, fuhren zum Hauptbahnhof … ah, wenn ich doch nur auf sie hätte zugehen können … ging nicht. Ich bin durch den Bahnhof gehetzt, habe mir bei Yormas einen Cappuccino geholt und dann zum Hotel. Und ich habe nicht auf sie geachtet. Einmal mich umgeschaut, ob sie mir folgt.“

„Mm“, mache ich.

Mein Freund schlägt die Hände vor sein Gesicht. „Ich habe es total vermasselt“, sagt er. „Kam nicht mehr raus aus meiner Verzweiflung. Habe mich verletzt, habe sie verletzt. Furchtbar. Im Hotel dann habe ich mich auf das Bett geworfen und geschwiegen. Zwei Stunden lang nichts gesagt. Meine Tochter indes surfte irgendwann wieder im Netz. So verging der Nachmittag. Als ich dann endlich die Sprache wiederfand, fragte ich sie: `Sollen wir zu Burger King gehen und ein paar Chicken Nuggets holen und Pommes?` Aber sie … sie nahm ihr Skateboard, sagte: `Nein, ich fahre jetzt nachhause`, schnappte sich die Tasche und … ging. Sie ging einfach! Ìch bring dich zur Tramhaltestelle`, rief ich durch den Hotelflur. Aber sie war weg! Das war ein so vernichtender, tötender Schmerz, als sie einfach verschwand …

„Was hast du gemacht?“, frage ich meinen Freund.

„Habe minutenlang aus dem Fenster geschaut in der Hoffnung, sie zu sehen. Schließlich bin ich nochmal zum Bahnhof, habe mir etwas zu essen gekauft.“

„Oh happy day!“, sage ich.

„Oh happy day“, wiederholt mein Freund. „Eineinhalb Stunden später hat sie eine SMS geschrieben und gefragt, ob wir uns sehen können am nächsten Tag. Habe ich erst nicht drauf geantwortet, mich aber dann später mit ihr nach der Schule verabredet.“ Und nach einer kurzen Pause: „Das war er, mein Geburtstag … Am nächsten Tag bin ich nach dem Frühstück bis elf im Hotel geblieben. Von dort in die katholische Kirche. Lange dort gesessen und auf Antwort gewartet …“ Mein Freund lächelt. „Antwort … Das vollkommen Desaströse hat sich am Vortag ereignet. Hätte ER doch mal eingreifen können. Hat er aber nicht. Gegen 14 Uhr traf ich mich mit meiner Tochter. Wir gehen in eine Fischrestaurant, bestellen, lassen uns das Essen geben und setzen uns an einen Tisch. Als hätte es den Nachmittag davor nicht gegeben. Alles ganz ungezwungen und leicht. Nach einer Stunde frage ich sie, ob sie noch mit zu C & A gehen will. `Nein“, sagt sie, ìch fahre jetzt nachhause.` - `Komm doch mit`, bitte ich. `Wir sehen uns wieder einige Wochen lang nicht.` - ´Nein, ich fahre jetzt.` Packt ihren Schulranzen und geht. Und wieder kann ich es nicht fassen“, sagt mein Freund. „Wieder ist sie weg. Einfach weg. Komme ich nicht mit klar. Ich sitze allein am Tisch, grübele, jetzt öffnet sich auch wieder eine Tür, die die Ereignisse des Vortages hineinlässt. Unendlicher Schmerz. Langsam stehe ich auf, schiebe das Tablett mit Geschirr und Gläsern in einen Trolli und verlasse das Lokal. Meine Tochter ist fort, in wenigen Stunden fahre ich zurück und frage mich, was das alles soll.“

„Und?“, frage ich.

„Keine Antwort“, sagt mein Freund, „keine Antwort.“

 

September 2021

 

Copyright 2021 Hubertus Tigges

 

 

 

 

 

 

Neulich … mit meiner Tochter … auf dem Campingplatz

 

Heiß soll es werden in den nächsten Tagen. Eine Temperatur von über 30 Grad Celsius ist angesagt. Für dieses Wetter ist meine Wohnung definitiv nicht der Ort, an dem wir uns aufhalten können und wollen. Ab zehn Uhr am Morgen knallt die Sonne gegen die Hauswand, die Fenster und auf das Flachdach, das mit Teerpappe gedeckt ist. Von Wärmeisolierung keine Spur. Das ergibt ein grauenvolles Raumklima, sodass sich hier eigentlich im Frühling und Sommer nicht wohnen lässt. Die Möglichkeit, am Abend und in der Nacht durch Lüften Abkühlung zu erzielen, gibt es auch nicht, weil alle Fenster in der Wand angebracht sind, die nach Süden schaut. Zu den grandiosen Vorzügen dieser Wohnung zählt auch ein wundervoller Walnussbaum, dessen Laubwerk sich unmittelbar neben meinem Küchenfenster entfaltet. Werden die Nüsse reif, vergnügen sich in der Nacht vier, fünf Waschbären, die auf dem Grundstück Unterschlupf gefunden haben, in diesem Baum. Walnüsse fallen herunter auf die Ladefläche eines Kleinlastwagens, den eine auf dem Nachbargrundstück ansässige Firma dort abstellt: BUMM! KNALL! SCHEPPER! Häufig ist die Nacht damit um ein, zwei Uhr erstmal beendet. Die Fenster sind auf Kippe, das in der Küche geschlossen, weil ich fürchte, dass sich ein Waschbär hereinschleicht.  Die Entscheidung, die Fenster zu schließen - bei 28, 29 Grad Innentemperatur, wird verworfen. Stattdessen stopfe ich mir Ohropax in die Gehörgänge. Wie gesagt: Eine großartige Wohnung im Sommer! Muss man nicht haben. 

 

Donnerstag. Um elf Uhr machen wir uns auf den Weg. Schweres Gepäck. Zelt. Schlafsäcke, Matten, Wechselkleidung. Zwei 1,5-Liter-Flaschen Wasser. Ein großer Rucksack, vollgestopft bis oben hin. Und meine Tochter darf diesmal auch den ihren mitnehmen. 

 

Wir fahren mit dem Bus zum S-Bahnhof Schöneweide, von dort weiter mit der S-Bahn zur Schönhauser Allee. Es wird gebaut, daher gibt es eine andere Verkehrsführung, das heißt: Umsteigen in die U-Bahn nach Pankow. Von hier Pendelverkehr nach Blankenburg. Von Blankenburg nach Karow. Schließlich mit der Regionalbahn nach Wandlitz. Und immer schön ein Stück Stoff vor Mund und Nase. Das Corona-Virus ist da, wo auch immer. Im Sommer mutmaßlich weniger anzutreffen, aber wer weiß das schon so genau. 

 

Auf ein Stück Kuchen im Café verzichten wir, weil eine akute Wespeninvasion den Genuss doch erheblich schmälern würde. Die Verkäuferinnen hinter der Ladentheke tun mir leid. Wie halten die das bloß den ganzen Tag aus? Aber ein Eis darf sein, bevor wir uns auf den Weg zum Campingplatz machen. Wasser, 6 x 0,5-Liter-Flaschen kaufen wir in einem Edeka. Eine aufblasbare Matte bekommen wir nicht mehr. Die Saison geht zu Ende. Artikel für Wasserspaß und -sport finden wir nicht mehr in Wandlitz. Das sorgt bei meiner Tochter für etwas Unmut. In den vergangenen Wochen habe ich überlegt, ein kleines Paddelboot zu kaufen, habe es dann aber gelassen, weil ich mir nicht klar war, ob meine Tochter überhaupt Interesse daran haben würde, zu zelten. Für Tagesausflüge von Berlin zum See war mir das „Päckchen Boot“ zu groß. Mit einem Auto wäre das leicht zu transportieren, aber ich besitze keines.  Angewiesen auf die Öffentlichen, wird es mühsam. Vor allem bei Temperaturen über 30 Grad. 

 

Schließlich gehen wir los. An dem verfallenen Haus vorbei. Das Dach ist zusammengestürzt, und imWohnzimmer wächst nun ein Baum. An der Ferienanlage aus DDR-Zeiten, auf dessen Gelände lauter kleine Häuser stehen, die auch niemand mehr zu benutzen scheint. Tiny Houses. So neu ist die Idee gar nicht. An der Wiese, auf der immer noch keine Schafe weiden. An dem Haus, vor dem bellwütige Hunde liegen, wechseln wir auf die Straße, um der Kläffattacke aus dem Weg zu gehen. 

 

Am Eingang des Waldes machen wir eine kurze Rast. Ich wuchte den Rucksack vom Rücken, öffne die Wasserflasche und schenke meiner Tochter und mir ein. Als es weitergeht, trage ich auch noch den Rucksack meiner Tochter vor der Brust und nehme schließlich den Stoffbeutel mit den Wasserflaschen, nachdem sie deutlich zu erkennen gegeben hat, dass ihr das zu schwer wird.

Wie wundervoll es im Wald ist! Die Kronen der Buchen schließen sich zusammen und bilden das Dach einer Kathedrale. Wir erreichen die asphaltierte Straße, halten uns links. Meine Tochter singt ein Lied. Ich höre zu und schwitze. Hatte die Straße wirklich diese Steigung? Oder liegt es an dem Gepäck, das ich schleppe, dass es mir so mühsam erscheint? Weitere zwanzig Minuten später erreichen wir schließlich den Campingplatz. Erleichtert lasse ich den Rucksack auf den Boden gleiten, fülle ein Anmeldeformular aus, bezahle 61 Euro für zwei Nächte, wobei 30 Euro als Pfand hinterlegt werden für den Token, der uns Zugang zu den Duschen und den Toiletten gewährt. 

 

Die Fläche, die für Zelte zur Verfügung stehen, hat sich im Vergleich zu 2018 deutlich vergrößert. Es stehen auffallend weniger Caravans auf dem Platz. Wir wählen einen Platz am Ende der Wiese. Ringsum zähle ich etwa zwölf andere Zelte. Und es werden noch mehr. Denn das Wochenende naht. Obwohl die Ferien in Berlin und Brandenburg vorbei sind, gibt es ein starkes Bedürfnis nach Wiese, Wald und Wasser. Das hat weniger mit einem gesteigerten Bedürfnis nach Naturlerleben zu tun, als damit, dass in Berlin Pandemie bedingt Clubs und Kneipen geschlossen sind, die partylustigen Menschen aber nach Ausweichquartieren suchen, und sie unter anderem am Liepnitzsee gefunden haben Und auf dem Campingplatz. Leider bis spät in die Nacht. 

 

Unser Zelt ist schnell aufgebaut. Unterlegplane. Innenzelt, Außenzelt. Abspannseile mit Heringen im Boden befestigt. Schön sieht es aus! Ja, ich mag unser Zelt! Unsere Rucksäcke legen wir hinein, ich packe einen kleinen Rucksack mit Badeutensilien, denn zum See wollen wir noch auf jeden Fall, ich ziehe den Reisverschluss zu. Fertig. Aber bevor wir losgehen, trinke ich noch einen Kaffee. Muss sein. Meine Tochter isst ein Eis, muss auch sein, obwohl sie kaum zu bremsen ist in ihrem Wunsch, endlich ans und ins Wasser zu kommen. 

 

Ein kurzer Gang durch den Wald, entlang des Ufers des Sees zur Badestelle einige Meter von dem Fähranleger entfernt. Es ist gar nicht mal so voll, wie ich gedacht habe. Hier lässt sich selbst der vielbeschworene Sicherheitsabstand von 1,5 Metern einhalten. Wobei ich gestehen muss, dass das Thema „Corona“ mit Betreten des Waldes vor vier Stunden immer weiter in den Bewusstseinshintergrund gerückt ist. Als ich vor zwei Wochen hier war, fühlte ich mich wie im Sommerbad Neukölln. Kein Platz zum Treten. Doch heute, an diesem Donnerstagnachmittag, können wir uns den Platz sogar aussuchen, an dem wir unsere Matte auslegen können. Rasch zieht sich meine Tochter um, packt sich die Schwimmbrille, und schon ist sie im Wasser. Das kühl ist. Und klar. Ich warte nicht lange und folge ihr. Brrr … Nicht kühl - kalt!  Mit hochgezogenen Schultern wage ich mich langsam voran, bespritze händeweise den Oberkörper.  Aber jetzt: schnell untertauchen und schwimmen. Hinüber zum Ufer der Mittelinsel und wieder zurück. Das ist nach dem schweißtreibenden Gang zum Campingplatz ausgesprochen erfrischend. Wir toben noch eine zeitlang herum, werfen uns den quietschgelben Wasserball zu. Schließlich gehe ich raus, ziehe mich um und schaue meiner Tochter zu, wie sie ausgelassen im Wasser schwimmt und taucht. 

 

Das ist Sommerglück an diesem 20. August des Jahres 2020, für das ich dankbar bin! 

 

Gegen halb acht gehen wir zurück zum Campingplatz. Meine Tochter marschiert barfuß durch den Wald. Zu unserer Freude ist die Verkaufsstelle noch geöffnet. Wir bestellen einen Kaffee, Kuchen, eine Flasche Sprite und später, weil es das auch noch gibt, einen Teller mit Pommes. Mm, wie gut das alles schmeckt! Ein gelungener Abschluss eines schönen Tages!

 

Kurz nachT-Shirt einundzwanzig Uhr, nach dem Duschen und Zähneputzen, machen wir es uns in unserem Zelt gemütlich. Eng ist es, ja, klein, aber doch erheblich geräumiger, als ich es in Erinnerung habe. Nach dem heißen Tag ist es stickig im Innern, die Schlafsäcke brauchen wir noch nicht. Drei junge Frauen, nur wenige Meter von uns entfernt, diskutieren ausgiebig ihre Lebenserfahrungen.   Erstaunlich, denke ich, was man mit Anfang zwanzig schon alles mitgemacht hat. Einschlafen fällt schwer, aber irgendwann sind wir hinübergewechselt ins Reich der Träume. Mir fehlt das aufblasbare Kopfkissen. Ich habe nur eins gefunden, dabei bin ich sicher, dass es noch ein zweites gibt. Das eine habe ich meiner Tochter gegen. Ich habe ein T-Shirt zusammengerollt und lege meinen Kopf darauf. Geht auch. 

 

Um drei Uhr in der Nacht wacht meine Tochter auf. Sie muss zur Toilette. Still ist es. Wir schälen uns aus unseren Schlafsäcken, öffnen den Reisverschluss des Zeltes und werden überrascht von einem fantastischen Sternenhimmel, in dessen Anblick ich mich verliere. So schön! Die Sternbilder sind so klar und deutlich zu erkennen wie in der Stadt nie. Ich erinnere mich daran, eine Nacht auf unserer Terrasse in Wyk auf Föhr verbracht zu haben. Stundenlang habe ich hinaufgeblickt, geschaut und gestaunt über die Unendlichkeit über mir. In mir. Es fällt mir schwer, mich von diesem Anblick zu lösen. So still ist die Welt, so friedlich, so beschirmt. 

Drei Stunden schlafen wir noch, kriechen um sieben aus dem Zelt, holen um acht eine Tüte mit Brötchen, Getränken, frühstücken auf der Terrasse gegenüber dem Verkaufsshop, bevor wir um neun wieder hinunter zum See gehen. Keiner da um diese Zeit. Ich schwimme wieder hinüber zum Ufer der Insel im See. Ein makelloses Blau spannt sich über dem Wasser, spiegelt sich darin. Sie ist traumhaft schön, diese Stunde, die ich allein mit meiner Tochter hier verbringe. Im Verlauf des Vormittags wird es dann voll. Und voller. Und lärmiger. Nicht nur an der Badestelle, sondern auch auf dem Wasser. Ein Stand-up-Paddler nach dem anderen schiebt sein Brett in den See. Riesige Schlauchboote, die acht oder zehn Personen Platz bieten, werden ans Ufer getragen. Hier und da klingt Techno-Music durch den Wald. Meine Tochter ist glücklich. Sie taucht und schwimmt und taucht und schwimmt. Wir werfen uns den Ball zu, bis sie ein anderes Mädchen mit Taucherbrille trifft, mit der sie spielen kann. 

 

Nach fünf Stunden möchte ich gehen. Nach Ützdorf ins Restaurant. Waren am See die hohen Temperaturen kaum zu spüren, so wird es, kaum haben wir den Wald verlassen, drückend heiß.  Auf dem Campingplatz sowieso. Aber auch der Weg vom Platz nach Ützdorf ist nicht gerade ein Vergnügen. Als wir den Gasthof betreten, werden wir mit einer angenehm kühlen Luft belohnt. Wir essen Forelle mit Kartoffeln, Fischstäbchen und verputzen im Anschluss ein großes Eis mit viel Schlagsahne. Danach sind wir so pappesatt, dass wir nicht die geringste Lust verspüren, zu gehen. Eine Stunde später indes sind wir wieder an der Badestelle. Es ist noch voller geworden. Wir schwimmen, spielen, doch als meine Tochter später aus dem Wasser will, stellt sie zu ihrem großen Erschrecken fest, dass sie ihre geliebte Schwimmbrille verloren hat. Tränen stehen in ihren Augen, als sie aus dem Wasser kommt. Ich spreche einen Jungen mit Taucherbrille an und bitte ihn, in dem Bereich zu schauen, in dem sich meine Tochter zuletzt aufgehalten hat. Das macht er auch sofort, aber trotz intensiver Suche ist die Brille nicht zu finden. Meine Tochter ist untröstlich, denn an der Brille liegt ihr viel. Ich springe noch einmal ins Wasser, suche und suche, aber auch ich habe keinen Erfolg. Blöd. Der bisher so wundervoll verlaufende Tag wird durch diesen Verlust erheblich eingetrübt. Der steht nun eindeutig im Vordergrund. Ich versuche, ihr zu vermitteln, dass sie sich auf das Schöne konzentrieren soll, das wir erlebt haben, und weniger auf das Verlorengehen der Brille. Aber das fällt ihr natürlich in diesen Minuten schwer. Was ich verstehen kann. 

 

Als wir zurück zum Campingplatz gehen, fahren zwei Motorräder knarzend und lärmend auf dem Waldweg an uns vorbei. Was soll das denn jetzt?, frage ich mich. Muss das denn sein? Betrübt sitzt meine Tochter am Tisch auf der Terrasse des Campingplatzes und verzehrt lustlos ein Stück Kuchen. Sie ist traurig. Bleibt es. Geht noch auf den Spielplatz und schaukelt. Ausgelassen jetzt. Wie zu frühen Kinderzeiten, schwerelos und leicht. Ganz im Hier und Jetzt. Unterstelle ich mal. Ich schaue in der Löwenhöhle in Wyk, als sie in der Kinderschaukel saß. Oder später mit mir auf der großen Schaukel, mit der wir so herrlich weit hinauf in den Himmel schwingen konnten, dass wir meinten, Schmetterlinge flatterten in unseren Bäuchen. Oder in Goting auf dem Spielplatz in Strandnähe. 

 

Duschen. Zähneputzen. Ins Zelt. Aber es ist noch so warm, dass an Schlaf nicht zu denken ist. Außerdem ist an diesem Freitagabend auf dem Campingplatz richtig Party. Musik, Gegröhle. Ein Auto fährt heran, die Scheinwerfer leuchten ins Zelt. Für einen Augenblick überkommt mich die Angst, dass ein Auto das Zelt und uns überfahren könnte. Warum müssen die Wagen auf den Zeltplatz? Verstehe ich nicht. Der Parkplatz ist in unmittelbarer Nähe. Es dauert auch in dieser Nacht lange, bis wir eingeschlafen sind. Wütend macht mich der Kampf mit den Ohropax, die ich meiner Tochter geben will. Ein Filztropfen ist zu groß für ihre Ohr. Also versuche ich es zu teilen. Ich suche nach meinem Schweizer Messer, das ich bestimmt mitgenommen habe. Aber ich finde es nicht. Ich lasse das filzig-gummiartige Material an einer Buchseite entlanglaufen in der Hoffnung, es damit durchschneiden zu können. Erfolglos. Ich beiße darauf. Keine Chance. Das Wachs und das, was darin eingearbeitet ist, erweist sich als so fest, dass ich die Kugel nicht geteilt bekomme. Verdammter Mist!, fluche ich. Ich möchte meiner Tochter eine ruhige Nacht verschaffen, allein, die Filzkugel sträubt sich hartnäckig gegen meinen Wunsch. Ich gebs auf!, sage ich schließlich. Macht doch nichts, sagt meine Tochter, ich schlafe auch so. Und tatsächlich ist sie nach wenigen Minuten im Reich der Träume. 

 

In der Nacht klatschen Regentropfen auf das Zeltdach. Angekündigt war der Wetterumschwung für die frühen Morgenstunden. Zunächst sind es nur ein paar Tropfen, dann fällt der Regen stetig. Die Zeltplane bleibt dicht, kein Wasser dringt durch. Um halb acht Uhr gehen wir frühstücken. Meine Tochter bleibt in der Gaststube, während ich bis auf das Zelt und die Unterlegplane die Sachen zusammenpacke. Ich trage die Rucksäcke zu ihr, dann gehe ich wieder hinaus und falte im Regen das Zelt zusammen. Das ist gut. Denn: Es ist anders. Die Erfahrung, dass etwas anders ist als der Alltag in der Stadt, ist gut. Ich werde klatschnass, aber das macht nichts, denn die Temperaturen sind auch an diesem Morgen noch sommerlich. Kurz nach neun habe ich alles zusammengepackt. Dort, wo unser Zelt stand, ist jetzt wieder freie Rasenfläche. Schade. Die Campingplatzbetreiber haben meiner Tochter einen Teller mit Obst spendiert. Sehr nett. Und einen Regenschirm bekommen wir auch noch in die Hand gedrückt, falls es doch heftiger schütten sollte. Ein letzter Kaffee, dann schultere ich den Rucksack, und wir machen uns auf den Weg zum Bahnhof Wandlitz. Wir gehen an der Badestelle vorbei. Vielleicht, so die Hoffnung, hat jemand die Schwimmbrille gefunden, und an einen Ast gehängt. Ist aber leider nicht so. Mit hängenden Schultern steht meine Tochter am Ufer des Sees. Außer uns keine Menschenseele weit und breit. Komm, sage ich, lass uns gehen. Einige Meter von der Badestelle entfernt ist der Wald total vermüllt. Leere Bier-, Wein- und Sektflachen liegen großflächig verteilt, Plastikbecher, Dosen, Papiertücher künden von der letzten Party. Corona-Party wird das genannt. 

Der Wald dampft. Der Wolkenhimmel reißt auf, und die Sonne scheint auf uns herab. Mir haben die zwei Tage mit meiner Tochter auf dem Campingplatz Freude gemacht. Am Mittwoch der kommenden Woche fahren wir nach Föhr. Dort wurde sie geboren. Ich freu´mich drauf. 

 

August 2020

 

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