Neulich … mit meiner Tochter … unterwegs … im Zelt

 

Papa - dieses Wort bedeutet mir so viel … Träume ich? Wer redet da? „Papa! Mir ist kalt!“ Die Stimme meiner Tochter. Ich schlage die Augen auf … Wie spät? Lässt sich nicht abfragen. Meine Uhr steckt irgendwo in den Untiefen meines Rucksacks. Und der ist wo? Ach ja, draußen. Das heißt, wir sind … im Zelt. Genau. Es ist also: irgendwann mitten in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch.

 

„Kalt?“, frage ich schläfrig.

 

„Ja“, erwidert sie.

 

„Dann lass uns die Schlafsäcke tauschen“, schlage ich vor. Ich friere nicht, lediglich am Kopf habe ich in den vergangenen Stunden fortwährend oder immer mal wieder Kühle empfunden. „Meiner ist, glaube ich, etwas dicker als deiner.“

 

Wir liegen in einem 2-Personen-Zelt, das uns beiden ausreichend Platz bietet. Es ist keine Hilleberg-„Luxushütte“, sondern eine preisgünstige Unterkunft, deren Wände einer Wassersäule von 5000mm Widerstand leisten sollen. Regendichtigkeit war mir bei der Auswahl wichtig, obwohl klar war, dass ich mit meiner Tochter nicht aufbrechen würde, wenn Hunde und Katzen vom Himmel fallen. Zwei selbstaufblasende Isomatten sind ausgerollt, darauf ruhen die Schlafsäcke. Als ich mich darin in der frühen Nacht ausgestreckt hatte, dachte ich: „Oh, verdammt eng!“, aber tatsächlich hat das Innenzelt eine Länge von 1,90 Meter, sodass ich mit meinen 1,82 Meter auch ausgestreckt darin Platz finde.

 

Campingplatz am Liepnitzsee. In Berlin und Brandenburg sind die Schulferien in der Woche zuvor zu Ende gegangen. Das macht sich an der Belegung des Platzes deutlich bemerkbar. Als ich am Nachmittag des Tages das Zelt aufbaue, gibt es auf der weiträumigen Wiesenfläche lediglich eine weitere Unterkunft. Später gesellt sich noch ein Paar hinzu, das ihr mobiles Obdach am anderen Ende der Hecke aufbaut, vor der wir unser Zelt positioniert hatten. „Alle grün“, sagt meine Tochter.

 

„Wie bitte?“, frage ich.

 

„Die Zelte der Leute sind alle grün.“

 

„Stimmt“, erwidere ich.

 

„Warum ist unser Zelt nicht grün?“

 

Ich blicke mich um, betrachte das Überzelt, das in einer mattsilbernen Farbe leuchtet, und zucke mit den Schultern. „Ist es halt nicht …Grün … grün gefiel mir irgendwie nicht.“ Ich warte darauf, dass sie sagt: „Das ist aber blöd!“ Macht sie aber nicht.

 

In einem Zelt habe ich mit meiner Tochter noch nie übernachtet. Aber ein bisschen Abenteuer, habe ich mir gedacht, sollte schon sein in den Sommerferien. Wobei „Abenteuer“ vielleicht nicht das richtige Wort ist. Wir campen nicht wild, sind nicht abhängig von dem Essen, das wir uns in den Rucksack gestopft haben, sind nicht abgeschnitten von Nah- oder Fernverkehr. Es ist also, mit anderen Worten, ein klein wenig Experimentieren mit dem Anderen: anders schlafen, in einer anderen Umgebung aufwachen, ein anderer Blick in den Nachthimmel, den Tag im Wald verbringen und nicht in der großen Stadt. Als ich ihr im Vorfeld davon berichtete, war sie angetan von der Idee. Klar, sie wäre lieber wieder nach Föhr gefahren, aber in diesen Sommerferien ging es nicht.

 

Am Montag der Woche, für die Berliner Kinder der erste Schultag nach den großen Ferien, für uns der Beginn der zweiten Woche des gemeinsamen Zusammenseins, gehen wir in ein großes Sportgeschäft. Ich kaufe eine Schlafmatte für meine Tochter für 29,90 Euro, dazu zwei aufblasbare Kopfkissen, die sich noch gut im Rucksack verstauen lassen. Als wir durch den Laden schlendern, macht sie mich auf ein Stand-up-Paddling-Boot? – Brett? aufmerksam. „Das will ich!“, sagt sie begeistert.

 

„Gute Idee“, erwidere ich, „aber wie sollen wir das an den See kriegen? Ohne Auto?“ Tatsächlich wird das Boot? – Brett? aufgepumpt und lässt sich im schlaffen Zustand in einem Rucksack verstauen, aber die Pakete, die dort an der Wand aufgestellt sind, machen mir schon beim Anschauen Rückenschmerzen. Abgesehen davon soll das Boot? – Brett? mit Paddel 349 Euro kosten. „Ist keine Option …“, murmele ich.

 

„Was hast du gesagt?“, fragt mich meine Tochter.

 

„Ach, nichts“, entgegne ich.

 

Am Abend packe ich den Rucksack und muss feststellen, dass er zu klein ist. 35 Liter plus 10. Den habe ich schon auf Wanderungen durch die Alpen und durch Irland getragen. Doch jetzt frage ich mich, wo ich die beiden Schlafsäcke, die Matten, das Zelt, Handtücher, Wechselkleidung unterbringen soll. Eine halbe Stunde lang suche ich nach Bändern, mit denen ich Schlafsack und Zelt außen am Rucksack anbringen kann. Finde sie aber nicht. Während ich ein- und wieder auspacke, vergnügt sich meine Tochter beim Spiel mit Lego-Figuren. „Passt nicht“, sage ich. „Ich muss noch den kleinen Rucksack mitnehmen.“

 

„O. k.“, sagt sie und lässt die Lego-Yacht in See stechen.

 

„Das wird eine schöne Schlepperei“.

 

„Das schaffst du schon“, meint sie. Lustig flitzen die Delfine durchs Wasser.

 

„Den kleinen Rucksack trägst du“, schlage ich vor.

 

„Ach nö …“ Plötzliche Windstille. Die Lego-Yacht bewegt sich nicht mehr.

 

„Ach jöh“, entgegne ich. „Vom Bahnhof Wandlitz ist es ein Fußweg von etwa 45 Minuten. Das schaffst du.“

 

„Aber Papa …!“ Die Lego-Friends-Mädchen scheinen von einer plötzlichen Verzweiflung heimgesucht zu werden.

 

Der Sommer hält. Auch am Dienstagmorgen ist es sonnig und warm. Ich schultere den Rucksack, lege meiner Tochter einen Schlafsack, den ich nicht mehr unterbringen konnte, in die Hände, und greife nach dem kleinen blauen Rucksack, in dem das – noch – unbedingt Notwendige, d. h. als Vorlesebuch nicht der dickbäuchige Band „Arthur und die vergessenen Bücher“, sondern ein nur ein Drittel so umfangreiches „5-Freunde“-Buch, untergebracht ist. Mit der Tram geht es zum S-Bahnhof, von dort nach Karow, weiter mit der Heidekrautbahn zum Bahnhof Wandlitz. Bevor wir uns auf den Weg zum Campingplatz machen, stärken wir uns an einer Tasse Kaffee und einem Stück Kuchen – ich -, während meine Tochter zwei Mettbrötchen vertilgt. Im Edeka gegenüber kaufen wir noch zwei Packungen Müsliriegel und eine 1 1/2 Liter-Flasche Mineralwasser, die ich in die Seitentasche meines Rucksacks stecke. Meine Tochter hat sich verabredungsgemäß den kleinen blauen umgelegt. Aber das Tragen bereitet ihr Mühe. „Bis zum Eingang des Waldes“, sage ich, „dann übernehme ich.“ Damit kann sie leben.

 

„Warum heißt das eigentlich ´Klimawald´?“, fragt sie, als wir die Siedlung hinter uns gelassen haben und nun am Rande des Waldes stehen, wo ich, wie versprochen, den Rucksack nehme und ihn mir vor die Brust packe.

 

„Habe ich mich auch schon oft gefragt“, sage ich. „Zum Klima trägt ja eigentlich alles bei, was uns umgibt. Also auch der Wald. Er produziert Sauerstoff, gibt der Seele Raum …“ Meine Tochter schaut mich an. O. k., das mit der Seele kann ich mir sparen. „Kurzum: Ich weiß es auch nicht, warum das jetzt Klimawald heißt.“

 

Ich fühle mich wie ein Packesel. Während meine Tochter locker und leicht zwischen den Bäumen herumstreift und tausendundein Wunder entdeckt, wische ich mir immer wieder den Schweiß aus dem Gesicht. Als wir die Straße erreichen, die links zum Campingplatz führt, setze ich die beiden Rucksäcke ab und trinke ausgiebig Wasser. „Wann sind wir da?“, fragt mein Tochter.

 

„Bald“, erwidere ich.

 

„Wann ist bald?“

 

Ich seufze. „Zwanzig Minuten, würde ich sagen. Vorausgesetzt, du trägst wieder den blauen Rucksack. „Manchmal muss man sich auch anstrengen, um etwas zu erreichen. Und wenn man es dann geschafft hat, fühlt man sich richtig gut“, erkläre ich. Zweifelnd schaut sie mich an. Doch wider Erwarten schultert sie die Last. Aber lange kann ich mir das nicht mit anschauen. „Komm“, sage ich nach wenigen Minuten entgegen meiner kurze Zeit zuvor geäußerten pädagogischen Vorgabe, „du nimmst wieder den Schlafsack und ich den Rest.“

 

Ich habe es nicht eilig. Ankommen können wir irgendwann zwischen 15 und 20 Uhr. Da ist die Rezeption besetzt. Es ist jetzt kurz vor drei, von Ferne sehe ich nach weiteren fünfzehn Minuten Gehen Wohnmobile. „Schau“, sage ich, „dahinten ist der Campingplatz.“

 

„Und wann gehen wir an den See?“

 

So ist das häufig. Der nächste Schritt wird übersprungen, um das maximal Vergnügliche zu erreichen. Gehen bei knapp 30 Grad ist beschwerlich. Das Wasser des Liepnitzsees bedeutet Freude. Aber zwischen dem Beschwerlichen und dem Freudvollen wartet noch das Aufbauen des Zeltes, ein wenig sich Umschauen, um mit der Logistik des Platzes vertraut zu werden, und danach der Gang durch den Wald zur Uferstelle. Aber es ist alles gut. Meine Tochter ist acht Jahre jung. Sie ist ein Kind, über das ich mir, wenn es anders reagieren würde, Gedanken machen müsste.

 

„Wir gehen an den See“, erwidere ich, „wenn wir unser Haus aufgebaut haben. Schließlich wollen wir irgendwo schlafen heute Nacht, oder?“

 

„Unser Haus … Papa, du bist lustig!“ Und trottet weiter hinter mir her.

 

Die Anmeldung ist schnell erledigt. Zwei Nächte für einen Erwachsenen und ein Kind mit einem Zwei-Personen-Zelt kosten 28 Euro. Der Erwachsene zahlt, das Kind zahlt, und das Zelt zahlt auch. Ich bekomme einen blauen Plastikschlüsselstecker, mit dem wir zu den Duschen und zu den Toiletten kommen.

 

Die Flächen für die Wohnmobile und Campinganhänger sind gut belegt. „Viele Dauercamper“, sagt die Frau an der Rezeption, „und es werden immer mehr.“ Der Zeltplatz indes bietet alle Wahlmöglichkeiten. „Wohin?“, frage ich meine Tochter.

 

„Hinten vor die Hecke“, sagt sie.

 

„Aufbauen geht schnell“, versuche ich ihre Ungeduld zu zügeln, breite die Zeltunterlage auf dem trockenen, raspelkurzen Rasen aus, packe das Zelt aus seiner Umhüllung, fädele das Gestänge ein, und tatsächlich steht das Innenzelt nach kürzester Zeit. An jeder Ecke einen Hering ins Erdreich gehauen, dann das Überzelt – und fertig ist die Unterkunft. Ich lege die sich selbst aufblasenden Matten auf den Boden, die sich aber partout nicht selbst aufblasen wollen, sodass ich mit etwas Lungenkraft nachhelfen muss, bis ich das Gefühl habe, sie tragen uns durch die Nacht, ohne dass wir auf dem harten Boden liegen. Besonders dick sind sie nicht, auch hier gibt es komfortablere Ausführungen – ein etwas launiger Verkäufer bei Globotrotter machte mich darauf aufmerksam, als ich dort die preiswerteste Frilufts-Matte kaufte -, aber für uns wird das ausreichend sein. Während meine Tochter die Kopfkissen aufbläst, rolle ich die Schlafsäcke aus, erkenne, dass wir den großen Rucksack nicht auch noch im Zelt unterbringen können in der Nacht, lege ihn aber zunächst einmal hinein, da wir ja nun zum See gehen wollen. Ich werfe noch einmal einen Blick auf die wimmelnde Ameisenschar vor dem Eingang zu unserer Behausung, frage mich, ob das nicht doch der falsche Standort ist und prüfe noch einmal, ob die Zugänge, das heißt die Reisverschlüsse, geschlossen sind. Alles in Ordnung. So dicht wimmeln sie auch gar nicht, die Ameisen. Sind auch keine großen Waldameisen, sondern viel kleiner. Klein und sehr flink, wie sich am nächsten Morgen herausstellen wird.

 

Die Seele baumeln lassen. Oh ja, das ist es, als wir vom Campingplatz durch den Wald zur Badestelle in der Nähe der Anlegestelle der Fähre, die Besucher zur Mittelinsel bringt, gehen. Meine Tochter indes will nur ins Wasser. Ich soll mit, aber ich habe da so meine Zweifel, dass ich das wage. „Du hast es versprochen!“, klagt sie.

 

„Habe ich nicht“, entgegne ich mit zugegebenermaßen schwacher Verteidigung.

 

„Hast du doch!“

 

„Nein, mir ist es zu kalt!“

 

So ist es: Mir ist es zu kalt, das Nass des Liepnitzsees. Einfach zu kalt. Einmal rein und wieder raus, in Ordnung, aber nach schwimmen und toben halbstundenweise oder länger ist mir nicht. Was meine Tochter allerdings nicht davon abhält, genau das zu tun. Einmal drin im See, ist sie kaum wieder rauszubekommen. Den „Strand“ in der Nähe der Anlegestelle müssen wir uns an diesem späteren Nachmittag nur mit wenigen anderen Besuchern teilen. Als ich einige Wochen zuvor wandernd von Melchow nach Wandlitz hier entlangkam, sah das ganz anders aus. Doch jetzt liegen nur zwei Frauen auf einer Decke, zwei Männer sitzen am Rand des Sees und lassen ihre Beine im Wasser baumeln, weiter links tummeln sich eine Gruppe junger Frauen. Während meine Tochter sich im Wasser vergnügt, hocke ich auf der Matte und schaue ihr zu. Zugegeben: Das ist nicht das, was sie wollte, aber es ist im Augenblick genau das, was ich will. Dabei ist das Wasser des Sees glasklar. Wir sehen Fische, die sich in Ufernähe herumtreiben. „Papa, du hast es mir versprochen!“, höre ich meine Tochter erneut drängelnd quengeln. „Habe ich nicht!“, rufe ich. – „Doch, hast du …“ Und schwups ist sie untergetaucht und zeigt mir, wie man unter Wasser einen Handstand macht. „Toll!“, sage ich, „aber“ – nach vierzig Minuten – „jetzt ist es mal Zeit, rauszukommen.“ – „Nein!“, schreit sie und taucht wieder unter. Währenddessen lichten sich die Reihen des Strandpublikums. Die beiden Damen fahren zurück nach Berlin und nehmen die beiden Herren gleich mit, wobei man feststellt, dass die eine der Frauen die gleiche Heimat hat wie einer der Männer: Mexiko City. Wenn das nicht der Beginn einer schönen Geschichte ist … Für uns wird es auch Zeit, zurück zum Campingplatz zu gehen. Es kostet einige Überredungskraft, meine Tochter aus dem Wasser zu bekommen, doch als sie schließlich draußen ist, bibbert sie vor Kälte. „Nun ist es aber genug!“, sage ich. „Morgen ist auch noch ein Tag.“

 

Im Wald ist es schon recht dunkel, nicht jedoch auf dem Platz. Ich lege die nassen Handtücher und den Badeanzug über die Lehnen eines Stuhles, der auch schon bessere Tage erlebt hat, hole Zahnbürsten und Zahnpasta aus dem Rucksack, und gemeinsam gehen wir zu dem Gebäude, in dem die Duschen untergebracht sind. Eine halbe Stunde später krabbeln wir in unser Zelt. Es ist mittlerweile so dunkel, dass ich die Taschenlampe anknipsen muss, um das eine oder andere zu ordnen. „Jetzt kommen die Mücken rein!“, befürchtet meine Tochter.

 

„Ist doch alles zu“, sage ich und leuchte hierin und dorthin. Irgendwie gelingt es mir nicht, mich so in den Schlafsack zu fügen, dass es sich gut anfühlt. „Alles klar?“, frage ich unterdessen meine Tochter. – „Mm …“, sagt sie. Ich nehme das als positives Feedback, schalte die Taschenlampe aus und wünsche ihr eine gute Nacht. „Wir hätten das Überzelt weglassen sollen. Dann könnten wir in den Nachthimmel schauen“, merke ich noch an.

 

„Aber Papa, wir wollen doch schlafen“. Tja, bei soviel Pragmatismus bleibe ich still und bin tatsächlich schon kurze Zeit später eingeschlafen. Um bald wieder wach zu werden. Und wieder einzuschlafen … wach zu werden … einzuschlafen … Immer wieder schaue ich in das Gesicht meiner Tochter, die jedoch ruhig schläft, bis … ja, bis sie mich weckt, als ich doch eine kleinere Tiefschlafphase erwischt habe und sagt: „Papa, mir ist kalt!“ Tausch der Schlafsäcke. Außerdem bekommt sie noch mein Kapuzen-Shirt, zieht eine Leggins an. So eingemummelt ist sie kurze Zeit später wieder im Reich der Träume. Auch ich schlafe wieder ein, allerdings muss ich feststellen, dass dieser Schlafsack – als „Sommerschlafsack“ annonciert -, tatsächlich der Kühle der Nacht nicht gerecht wird. Ich friere. Ziehe mir schließlich auch noch eine Hose an und einen dünneren Pullover. Damit hatte ich nun nicht gerechnet. Auch nicht mit den deutlich zu hörenden Lärm, den die Automobile auf der Autobahn verursachen, die doch nicht ganz so nah ist.

 

Ich werde wach, als ich bemerke, dass es im Zelt stickig und warm geworden ist. Die Morgensonne entwickelt eine so große Kraft, dass es uns aus den Schlafsäcken und der Behausung treibt. Zur Freude der Ameisen, die nur darauf gewartet zu haben scheinen, dem Innenraum einen Besuch abzustatten. Ich habe mich kaum versehen, da flitzen sie schon durch das Zelt. Ich greife nach ihnen, setze sie wieder heraus, gebe es aber irgendwann auf, schließe den Reisverschluss und gehe mit meiner Tochter frühstücken. Zur Auswahl stehen ein „kleines“ Frühstück für drei Euro pro Person und ein „großes“ Frühstück für etwas über fünf Euro. Am Vorabend haben wir uns für das kleine Frühstück entschieden, das dann aber recht spartanisch ausfällt: ein Brötchen, dazu drei Scheiben Belag und etwas Süßes im Plastikbehältnis. Dazu gibt es ein Getränk, was für mich auf jeden Fall Kaffee! Kaffee! Kaffee! sein muss und für meine Tochter ein Glas Mineralwasser. Etwas missgelaunt verdrückt sie ihr Brötchen, den Grund kann ich nicht ausmachen. „Geht’s dir gut?“, frage ich und biete ihr meine Salamischeibe an. „Joh“, sagt sie. Ich insistiere nicht weiter, obwohl ihre Miene eine andere Auskunft gibt, sondern vertilge mein Brötchen, trinke den Kaffee, nehme für uns aus dem Kühlschrank noch je eine Flasche Mineralwasser und Fanta mit und gehe mit meiner Tochter zurück zum Zelt.

 

Die Morgensonne hat Kraft, aber es gelingt ihr nicht, die vom Baden und Duschen nassen Handtücher vollständig zu trocknen. Kurz nach neun habe ich den kleinen blauen Rucksack wieder gepackt und wir machen uns auf zum „Strand“.

 

Es ist wundervoll, um diese Zeit durch den Wald zu gehen. Bis auf eine junge Frau, die wir am Eingang des Waldes gesehen haben, zu ihren Füßen einen großen Rucksack, in ihren Händen ein Smartphone, begegnen wir niemanden. Das heißt, ein Marienkäfer begleitet uns, den meine Tochter am Wegesrand entdeckt. Vorsichtig hält sie ihren Zeigefinger hin, und das Tierchen klettert auf ihre Hand. Und bleibt dort, von Worten zärtlich umhegt. Es bekommt ein Blatt, damit es etwas „zu essen hat.“ Einige Meter weiter zieht meine Tochter mit ihrer „Wasserpistole“, die einmal der Stiel eines Eis´ gewesen ist, etwas Wasser auf und tröpfelt es auf ihre Hand, damit der Marienkäfer auch trinken kann. Erst als wir die Badestelle erreicht haben, fliegt er davon.

 

Die Stege am Ufer des Sees, von denen es einige gibt, sind schon alle belegt. „Mist“, sagt meine Tochter, „da wollte ich drauf!“

 

„Gibt’s doch gar kein Schatten“, sage ich. „Da liegst du die ganze Zeit voll in der Sonne.“

 

Grummelbrummel geht es weiter an der Anlegestelle vorbei zum Badeplatz. Niemand da. Drei, vier Meter versetzt gibt es zwei Bäume, zwischen denen ich die Hängematte spannen kann. Großartig! Die Sonne scheint, das Laub der Bäume bietet aber ausreichend Schatten, um sich später in die Matte zu legen. In Windeseile hat meine Tochter ihren Badeanzug angezogen und geht in den See. Wieder bin ich überrascht, wie klar das Wasser ist. Der Sommer bescherte uns in diesem Jahr einen Sonnentag nach dem anderen, von Mai bis August, die Temperaturen kletterten auf über 30 Grad, aber von Algenbefall, wie es zu erwarten gewesen wäre, ist hier nichts zu sehen. Wieder ziehen Fische ihre Bahn, unbeeindruckt von dem Menschenkind, das sich ihnen nähert. „Papa, komm auch rein!“, ruft sie. – „Papa ist es immer noch zu kalt!“, sage ich. – „Du hast es versprochen!“ – Ja, das habe ich, und gestern habe ich es auch bereut, nicht mit ihr geschwommen und herumgetobt zu sein. Wir fahren gemeinsam Inliner, spielen Fußball, gehen in Berlin schwimmen in den Hallenbädern der Stadt. Das ist schön, weil ich es liebe, das strahlende Gesicht meiner Tochter zu sehen, wenn sie ausgelassen herumtobt. Aber hier ist die Wassertemperatur wirklich ein Hinderungsgrund … - egal: Badehose angezogen und hinein. Langsam. Schritt für Schritt.

 

„Es ist kalt!“, konstatiere ich. – „Gar nicht“, sagt meine Tochter und beginnt, mich nasszuspritzen, was mir gar nicht gefällt. Schritt für Schritt. Ich weiß, ich sollte mich entschlossen hineinstürzen. Mache ich aber nicht, sondern gehe weiter und weiter, bis ich schließlich doch Kopf voran eintauche. „Wir schwimmen einmal rüber“, sagt meine Tochter. Wir kommen bis zur Mitte des Sees, dann schlage ich vor, umzukehren. Nicht, weil mir die Luft ausgeht, sondern weil alle Wertsachen hinter uns liegen. Ich glaube zwar nicht, dass hier ein Bösebold durchs Gebüsch schleicht, aber etwas mulmig ist mir schon. Als ich wieder Grund unter den Füßen habe, mein Oberkörper über der Wasseroberfläche ist, beschließe ich, das Badevergnügen zu beenden. „Ich gehe raus!“, sage ich zu meiner Tochter. – „Nein!“, höre ich ihren lauten Protest, von dem ich mich jedoch nicht beeindrucken lasse.

 

Ich trockne mich ab, ziehe mein T-Shirt an und setze mich auf die Matte. „Ich bleibe noch drin“, verkündet meine Tochter. „Wie du willst“, sage ich. In der Zwischenzeit hat sich der Strand etwas gefüllt. Eine ältere Dame hat ein Foto von meinen Wanderschuhen gemacht, die vor der Hängematte stehen. „Stilleben am Liepnitzsee“, sagt sie. Da es zunehmend belebter wird, beschließe ich, die Hängematte abzubauen, um dieses Fleckchen zur Verfügung zu stellen. Mittlerweile ist es mir auch gelungen, meine Tochter aus dem Wasser zu holen. „Ich schlage vor, wir gehen zurück zum Campingplatz, hängen die nassen Sachen auf, essen etwas und kommen am Nachmittag noch einmal her.“

 

„Auf dem Campingplatz können wir doch nichts machen“, sagt sie. Da stimme ich ihr zu. Der Spielplatz ist etwas dürftig ausgestattet. Aber in der Mittagssonne dort zu spielen, wäre eh nicht ratsam. Aber mein Magen grummelt. „Es gibt in Ützdorf ein Restaurant, dort können wir etwas essen“, sage ich.

 

„Wo ist Ützdorf?“, will sie wissen.

 

„Zehn Minuten vom Platz entfernt.“

 

Wir packen unsere Sachen zusammen, schlendern am See entlang durch den Wald zurück zum Campingplatz. Als ich hinter mir Schritte höre, trete ich zur Seite. „Danke“, sagt die junge Frau, die wenige Stunden zuvor mit ihrem Rucksack am Eingang des Waldes stand, dann ebenfalls an der Uferstelle lag und nun zurück geht.

 

Es ist heiß. Am Zelt drapiere ich Handtücher, Badehose und Badeanzug auf dem Stuhl. Im Zelt ist es noch heißer. Ich hole eine Packung der Müsliriegel heraus. Die sind so aufgeweicht, dass ich sie vermutlich in ein Glas gießen könnte. Meine Tochter hat sich in den Schatten einer der wenigen Bäume verzogen, die auf dem Zeltplatz stehen. Ich verschließe das Zelt, gehe zu ihr, sage: „Na komm, lass uns mal gehen“, und nehme ihre Hand.

 

„Papa, ich bin müde“, sagt sie. „Ich will nicht gehen. Es ist so heiß.“

 

„Nur zehn Minuten“, sage ich.

 

Das Jägerheim in Ützdorf, Hotel und Restaurant, ist der einzige gastronomische Betrieb am Liepnitzsee. Gut, der Campingplatz bietet auch Speisen und Getränke, und an der kostenpflichtigen Badestelle gibt es auch zu essen und zu trinken, aber als Restaurant zählt nur das Jägerheim. Die Ferien sind vorbei, das merkt man auch hier. Ein älteres Paar sitzt einige Tische weiter und isst schweigend.

 

„Hier hat sich nichts verändert, seit ich mit Mama zum erstenmal vor sechzehn Jahren hierhergekommen bin“, sage ich, nachdem wir einen Tisch am Fenster gewählt haben. Auf der Fensterbank steht eine ausgestopfte Ente, die vor eineinhalb Jahrzehnten hier auch schon stumm quakte. An der der Wand pflügt auf einem Holzschnitt der Bauer immer noch sein Feld. Nach dem Essen schlendern wir zurück zum Campingplatz, stellen fest, dass Kleidung und Handtücher trocken sind, sodass wir uns wieder zum See aufmachen können. Es ist voll. Kein Vergleich zum Vormittag. Kinder planschen im Wasser. Strandmuscheln sind aufgestellt. Das kleine Stückchen „Strand“ ist nahezu belegt. Ich finde noch ein Fleckchen, wo ich unsere Matte ausbreiten kann. Meine Tochter geht wieder fröhlich ins Wasser. Mir indes ist es zu wuselig an diesem Nachmittag. Egal. Ich lege mich hin, lese, bis ich nach einer Stunde zum Aufbruch dränge. Spielverderber! Das steht meiner Tochter im Gesicht geschrieben. „Wir kommen am Abend noch einmal wieder“, sage ich, während ich die Campingmatte aufrolle. „Vielleicht können wir dann auch auf einen Steg.“

 

Tatsächlich gelingt das auch. Zwei Frauen verlassen zur Freude meiner Tochter just in dem Augenblick die Holzplattform, als wir am Uferweg entlanggehen. Es wird langsam dunkel, aber meine Tochter springt unverdrossen ein ums andere Mal vom Steg ins Wasser. Was für ein Vergnügen! Frage mich, warum ich nicht mitspringe und mitschwimme! Das sind doch die Vergnügen, die geteilt doppelt Freude machen. Aber mir ist es zu kalt. Und ich bin irgendwie nicht entspannt.

 

Auf einem riesigen aufblasbaren Schwimmring in Form eines Flamingos liegt ein Pärchen und paddelt über das Wasser. Eine ältere Dame kommt zu uns und fotografiert den Steg einige Meter weiter, den der Besitzer mit Eisengitter und darauf gesetzten Stacheldraht gesichert hat. Privatsteg. Unbefugten ist der Zutritt verboten. Was die „Unbefugten“ jedoch nicht davon abhält, den Steg dennoch zu betreten. Soeben wird er von Seeseite von dem Pärchen mit Riesenflamingo geentert. „Den hat mein Mann gebaut“, erklärt sie. „Aber was der jetzige Besitzer damit macht, das geht doch nicht.“

 

„Können wir morgen wieder herkommen?“, fragt meine Tochter, als wir zum Campingplatz zurückgehen.

 

„Geht nicht“, sage ich. „Kein Geld mehr.“ So sieht es leider aus. Die Kasse ist leer und weit und breit kein Geldautomat, an dem ich zu Barem kommen könnte. In Wandlitz kenne ich nur die Sparkasse, aber bei der habe ich kein Konto. „Ich habe auch keine Lust, schon wieder zurückzufahren, aber es wird uns wohl nichts anderes übrigbleiben.“

 

Gegen 21 Uhr liegen wir in unseren Schlafsäcken. Im Zelt ist es angenehm kühl, gegen die zu erwartenden Frier-Attacken hat meine Tochter wieder mein Kapuzen-Shirt angezogen. Die Nacht verläuft ruhiger als die zuvor. Von der Autobahn dringt kein Lärm hinüber, ich werde weniger oft wach, und meine Tochter meldet sich erst am Morgen, als die Sonne schon aufs und ins Zelt scheint.

 

Nach dem Frühstück gehen wir noch einmal zur Badestelle. Es ist berückend schön zu dieser Zeit. Meine Tochter ist traurig, weil wir zurückfahren müssen. „Ich mache dir einen Vorschlag“, sage ich. „Wir gehen nach Wandlitz und gucken, ob wir da einen Postbank-Automaten finden. Wenn ich da Geld abheben kann, bleiben wir noch einen Tag. Oder zwei.“ Abbauen müssen wir unsere Unterkunft bis zwölf. Wir können also nach Wandlitz und wieder zurück. Nachdem wir die Dame an der Rezeption von unserem Wunsch, noch eine weitere Nacht zu bleiben, unterrichtet haben, frage ich meine Tochter, wo sie ihren Fotoapparat hat. Als wir zum See gegangen sind, trug sie ihn in Händen, aber jetzt ist er nicht da. Nicht in ihren Händen, nicht in ihrem Rucksack. „Das ist blöd“, sage ich. „Entweder hast du ihn auf dem Weg verloren oder ihn an der Badestelle vergessen.“ Das ist wirklich nicht gut, und Ärger steigt in mir auf. Mit dem Fotoapparat hatten wir in den vergangenen Tagen viel Spaß, und es wäre ausgesprochen verdrießlich, wenn die Digitalkamera auf Nimmerwiedersehen verschwunden wäre. In reichlich mieser Laune gehen wir noch einmal zur Badestelle, den Blick auf den Weg gerichtet in der Hoffnung, die Kamera zu entdecken. Doch als wir am „Strand“ ankommen, macht unser suchender Blick gleich einen Badenden auf uns aufmerksam. „Suchen Sie etwas?“, fragt er. – „Ja, eine blaue Digitalkamera“, sage ich. – „Die habe ich gefunden!“, sagt er und kommt splitterfasernackt aus dem Wasser, geht zu seinem Rucksack und holt den Apparat heraus. „Gott sei Dank!“, sage ich erleichtert. Und: „Tausend Dank, das ist die Kamera meiner Tochter! Sie haben uns das Leben gerettet!“

 

Fünfzig Minuten brauchen wir, bis wir in Wandlitz ankommen. Es ist hochsommerlich warm, meiner Tochter macht das Gehen sichtlich keine Freude. Daher stärken wir uns zunächst einmal in einem Café, kaufen noch zwei eineinhalb Liter-Flaschen Mineralwasser bei Edeka und suchen schließlich das Geldinstitut, dessen Automat meine Karte akzeptiert. Gibt es aber nicht. Sparkasse: nein. Post: hat keinen Geldautomaten. Volksbank: hilft mir auch nicht weiter. Ein Blick in meine Geldbörse lässt nur einen Schluss zu: „Tja, mein Schatz, wir müssen wohl zurückfahren.“ Die Miene meiner Tochter verrät den Frust. Um so mehr, als wir nun wieder zurückgehen und am Nachmittag erneut den Weg hierher zum Bahnhof bewältigen müssen.

 

Langsam, langsam, langsam schlendern wir zurück zum Campingplatz. Ich beginne, das Zelt abzubauen, was länger dauert, als ich gedacht hatte. Die sich selbst aufblasenden Campingmatten wieder in die handliche Form zu bringen, dass sie verstaut werden können, die Rucksäcke so klein zu rollen, dass in die ihre Aufbewahrungsbehältnisse passen, ist etwas mühsam, nicht zuletzt deshalb, weil ich unter praller Mittagssonne agiere und immer mal wieder einen Schritt in den Schatten treten muss. Die Schlafmatten kommen in den Rucksack, das Zelt wird außen befestigt, die Campingmatte unten. Schließlich ist alles wieder verstaut, und wir können aufbrechen. Von dem restlichen Geld genehmigen wir uns noch ein Eis. Kurz nach drei machen wir uns auf den Weg nach Wandlitz zum Bahnhof. „Morgen soll es eh regnen“, versuche ich meine Tochter zu trösten. „Und wenn es in der nächsten Woche sonnig und warm ist, können wir ja noch einmal wiederkommen.“ - „Papa, ich fand es schön im Wald und am „Strand“ des Liepnitzsees“. – „Ich auch“, sage ich und: Papa - dieses Wort bedeutet mir so viel!

 

 

16. September 2018

Copyright 2018 Hubertus Tigges

 

 

Neulich ... unterwegs mit meiner Tochter ... auf Rollen 

 

Uuaaa … – halt! Wenn ein evolutionärer Vorteil damit verbunden gewesen wäre, dass der Mensch sich auf Rollen fortbewegt, dann wären doch statt Fußsohlen kreisrunde Scheiben mit unseren Beinen verwachsen, oder? Aahhh … halt! … Ich rudere mit den Armen, schwanke bedenklich vor und zurück, fühle mich abwechselnd entweder wie auf Eis oder wie auf hoher See, finde endlich die Haltestange des Einkaufswagens und atme erleichtert aus! Uff!

 

Ich blicke hinab auf meine Füße: Inlineskates. Hoch schließendes Schuhwerk, darunter je vier Rollen. Ich schließe die Augen und versuche mich daran zu erinnern, wie ich als Kind Rollschuhe gelaufen bin. Im Sturzflug eine steile Straße hinab, links um die Kurve, noch einmal links, rechts im Bogen um ein Haus herum ... und immer weiter. Weiß der Himmel, wie es gelungen ist, dass ich nicht gestürzt bin. Damals trug ich weder Protektoren noch einen Helm. Blaue Flecken hatte ich ausreichend an meinem Körper vom wilden Spiel im Wald und auf dem Sportplatz. So wird „Erinnern!“ mein erstes Mantra bei dem Versuch, mit diesen … Dingern … da unten an meinen Füßen so etwas wie Fortbewegung zu realisieren. Das zweite heißt „Vertrauen!“ In die Fähigkeit meines Körpers, die Bewegungen so zu koordinieren, dass ich mich nicht auf den Hosenboden setze.

 

Meine Tochter flitzt mit Inlineskates durch die Straßen. Das will ich auch. Das heißt, ich will mit ihr dieses Vergnügen teilen. Allein: Von Vergnügen ist das bei mir noch alles weit, weit entfernt. Im Winter habe ich mir ein Paar Inliner zugelegt im Kaufhof am Alex, radikal reduziert, weil außerhalb der Saison, dazu das passende Protektoren-Set, um Ellbogen, Kniegelenkte und Handinnenflächen bei Sturz zu schützen. Auf dem Kopf trage ich meinen Fahrradhelm. Ist zwar nicht mehr das allerneuste Modell, aber er erfüllt – gefühlt – seinen Zweck. Einige Monate standen die Inliner im Flur, bevor ich mich mit den ersten wärmeren Tagen daran machte, meine Fahrkünste zu entwickeln.

 

„Meine Mutter hat das auch noch gelernt!“, sagte die nette Verkäuferin in der Sportabteilung des Warenhauses. „Wir sind auf einen Parkplatz gegangen, sie hat sich einen Einkaufswagen genommen und den vor sich herschoben und so die ersten Schritte gemacht.“ Gute Idee! So stehe ich denn an diesem Sonntagmorgen auf dem Bauhaus-Parkplatz an der Spree, ziehe einen Einkaufswagen aus der Reihe, schwenke ihn herum und mache, wie ein Baby, die ersten Schritte auf Rollen. Was soll ich sagen: Das geht gut! An diesem Sonntagmittag ist der Parkplatz vollkommen leer, keine Autos, keine Menschen, sodass ich unbehelligt meine Runden drehen kann. Klar: Etwas dämlich komme ich mir schon vor mit diesem Rieseneinkaufswagen vor mir, in dem mein Rucksack liegt. Aber was solls? Die Übung erfüllt voll und ganz ihren Zweck. Ich stoße mich mit dem rechten Fuß ab, dann mit dem linken, rechts, links … Fallen werde ich nicht, denn der Einkaufswagen ist groß und stabil, gibt Sicherheit. Eine halbe Stunde lang knattern die Räder des Bauhaus-Wagens über den Asphalt, dann habe ich genug, stelle ihn wieder ein, lass mich vorsichtig auf den Hosenboden plumpsen, ziehe die Inliner aus, dann die Protektoren und denke: Na, geht doch! Als ich am kommenden Sonntag wieder hier stehe, will ich es erneut mit dem Wagen probieren. Ne, das brauche ich jetzt nicht, denke ich. Nachdem ich mir die Inliner angezogen habe, zögernd und etwas wacklig aufgestanden bin, fahre ich los. Schritt links, Schritt rechts – „Erinnere dich!“ – „Vertrauen!“ Die Kurven fallen sehr großzügig aus, auch etwas, was ich noch üben muss, aber die große Fläche des Parkplatzes erlaubt es, alles in dieser Form auszuprobieren, ohne dass ich in die Bremsen treten muss. Bremsen? Ach ja, dieser Gummignubbel unter dem rechten Inlinerschuh. Vorsichtig hebe ich den rechten Fuß an, es schleift, die Bremswirkung ist nicht wirklich beeindruckend. Ich seufze. Wird schon, denke ich. Wird schon. Ich fahre kreuz und quer über den Parkplatz, bis ich nach fünfundvierzig Minuten mit einigem Stolz die Inliner wieder ausziehe. Was soll ich sagen: Das macht Spaß!

 

Am Abend, als ich mit meiner Tochter telefoniere, frage ich sie: "Weißt Du, was ich heute gemacht habe?"

"Nö …"

"Inliner bin ich gefahren."

"Echt?"

"Echt!", sage ich. "Wenn Du Pfingsten kommst, bringst Du Deine mit, dann rollen wir durch die Stadt."

Naja, die Vorgabe ist etwas gewagt, denn bis Pfingsten sind es nur noch wenige Wochen, aber ich bin motiviert.

 

Wieder eine Woche später. Wieder ein Sonntag. Noch einmal erprobe ich mich am Mittag auf dem Bauhaus-Parkplatz, am Abend stopfe ich die Inliner in meinen Rucksack, schwinge mich aufs Rad und fahre zum Mauerweg, der von der Kiefholzstraße aus zu begehen ist. Auch ein Tipp der netten Angestellten im Kaufhof. Mm, ein bisschen mulmig ist mir schon. Denn hier begegne ich Mensch und Tier, muss gegebenenfalls ausweichen … bremsen … Egal, ein rasches Kreuzzeichen, bevor ich mich von der Bank erhebe, auf der ich die Protektoren und die Inliner angelegt habe und los geht’s. Der erste Eindruck: Der Asphalt ist um Längen besser als der auf dem Parkplatz, feiner, widerstandsfreier. Der zweite: Es sind wirklich viele Menschen unterwegs an diesem herrlichen Frühlingsabend! Ich halte mich immer schön rechts, um niemandem in die Quere zu kommen, rolle konzentriert und nicht wirklich entspannt. Aber was soll das jetzt? Eine Straße? Die soll ich überqueren? Wie denn? Vor mir Kopfsteinpflaster mit kleinen Steinen, Gehwegplatten, eine Mittelinsel. Alles unterschiedlicher Bodenbelag, über den ich noch nie gefahren bin. Als die Rollen das Kopfsteinpflaster berühren, wollen sie nicht mehr rollen! So eine Frechheit! Und nun? Ich gehe. Rollen funktioniert ja nicht. Dann ein beherzter Schritt auf die Straße – keine Autos – schnell über die Mittelinsel und auf die andere Seite, auf der mich schon wieder – nein! – Kopfsteinpflaster erwartet. Ich schwanke – aber falle nicht! O .k., denke ich, das klappt ja noch nicht so gut. Noch weniger entspannt fahre ich weiter, bis nach einigen Metern wieder ein Hindernis erscheint in Form eines vermaledeiten „anderen“ Belags, der mir nicht angemessen rollenkompatibel erscheint. Ausweichen kann ich nicht mehr, rolle geradewegs drauf zu und – holterdipolter – drüber weg. Liebe nette Verkäuferin, denke ich, der Tipp mit dem Mauerweg war wohl doch nicht so gut … Doch. War er. Denn die nächste Wegstrecke bis zur Sonnenallee verläuft barrierefrei. Es fängt an, Spaß zu machen. Die Bewegungen werden leichter, unverkrampfter. Das Bauhaus-Parkplatz-Freude-Gefühl ist wieder da. Von der Sonnenallee fahre ich zurück, noch einmal todesmutig über die Straße, bis ich wieder bei der Bank ankomme, mein durchgeschwitztes T-Shirt gegen ein trockenes tausche, die Inliner ausziehe und verstaue. Fand ich gut!, sage ich mir. Fand ich echt gut! Etwas Neues ausprobieren. Etwas, was ich bisher noch nicht erprobt habe, und feststellen: Es klappt! Das bringt ein wonniges Gefühl der Befriedigung, abgesehen davon, dass mit dem Inlinerfahren auf herrliche Art und Weise das Kind im Manne zu seinem Recht kommt: Ich will Spaß!, sagt das innere Kind. Sollst du haben!, erwidere ich. Sollst du haben!

 

Der Bauhaus-Parkplatz ist Geschichte. Diesmal erprobe ich mich gleich auf dem Mauerweg. Kurz überlege ich, ob ich die Inliner nicht hinter der zu überquerenden Straße anziehen soll, finde das jedoch unsportlich und wechsele das Schuhwerk auf der Bank nähe der Kiefholzstraße. Als das „Hindernis“ – die Straße – erscheint, fahre ich auf dem Bürgersteig noch etwas weiter nach rechts in der Hoffnung, einen stressfreieren Übergang zu finden. Ist aber nicht. Konzentration … Schritt … noch ein Schritt … roll, roll, wie bei der Augsburger Puppenkiste … und ich bin drüben. Ich kann mich nicht daran erinnern, wann mir das Überqueren einer Straße so große Schwierigkeiten bereitet hat.

Die kleinen Gehwegbesonderheiten auf dem Mauerweg, die ich am vergangenen Sonntag mit Stirnrunzeln betrachtet habe, machen mir nun weniger Mühe, und so rolle ich frohgemut in Richtung Sonnenallee. Als ich an zwei jungen Männern und einer jungen Frau vorbeiskate, ertönt von einem der Herren der Ruf: "Immer etwas vorgebeugt fahren! Und ein wenig in die Knie gehen!" Abrupt stoppen geht nicht, um mir diese wertvollen Hinweise näher erläutern zu lassen, so rolle ich lächelnd vorbei und rufe: "Vielen Dank! Ich bin für jeden Hinweis dankbar!"

 

Sonnenallee. Auch hier will ich auf die andere Seite. Die gleichen Probleme wie einige hundert Meter zuvor: kleines Kopfsteinpflaster, Gehwegplatten auf der Mittelinsel, großer Koordinationsbedarf. Oh weia, denke ich, was mache ich hier eigentlich? Aber: Ich komme über die Straße. Und auch wieder zurück, denn weit fahre ich den Mauerweg in diese Richtung nicht mehr. Auf dem Rückweg hebe ich rechtzeitig den rechten Fuß, lass den Stopper über den Asphalt gleiten, um vor den Herren und der Dame zum Stehen zu kommen. "Wie war das mit dem Vornüberbeugen?", frage ich freundlich und bekomme detailliert Auskunft über die angemessene Körperhaltung: nach vorne beugen, um den Schwerpunkt möglichst über den Inlinern zu haben, dann etwas in die Hocke gehen, damit man sich vernünftig abstoßen kann. "Vielen Dank!", sage ich und versuche, die Ratschläge auf der Rückfahrt zu beherzigen. Gar nicht so einfach, wie ich finde. Gar nicht so einfach.

 

Als ich meine Tochter abhole, freue ich mich, dass sie ihre Inliner dabei hat. Verstaut in ihrem Rucksack, an dem auch ihr Fahrradhelm hängt. Mittlerweile habe ich im Netz einige Empfehlungen für Strecken in Berlin gefunden, auf denen sich gut dahingleiten lässt. Unter top10berlin findet sich die Top 10 Liste: Skate Strecken. Ausprobiert habe ich in den zwei Wochen, die seit meinem letzten Fahren auf Rollen vergangen sind, noch keine, aber ich hoffe, dass ich meine Tochter begeistern kann. Nachdem wir am Tag zuvor sechs Stunden lang mit dem Zug unterwegs waren, hat sie keine Lust, schon wieder in die S-Bahn zu steigen. Also packen wir unsere Ausrüstung zusammen, die aus den Inlinern, den Helmen und den Protektoren-Sets besteht, und gehen hinüber in den Landschaftspark, der zu Fuß in fünf Minuten zu erreichen ist. Das ehemalige Flughafengelände zwischen Johannisthal und Adlershof ist zu einem Park umgewandelt worden, in dem sich auch skaten lässt. Ich stecke die Turnschuhe in meinen Rucksack, wir streifen die Protektoren über Knie, Ellbogen, Hände, dann die Inliner an die Füße, die Helme auf den Kopf, und schon kann es losgehen. Schwupp, schwupp - mit geübten Schritten hat meine Tochter die Rasenfläche überwunden und steht auf dem Asphalt. Ich hingegen eiere herum, weil Rasen …, naja, ist schon ein anderer Belag, nicht wahr! Der glatte Grund hingegen gibt mir Sicherheit – und mein Mantra: „Vertrauen!“ Ich folge meiner Tochter, die schon einige Meter vor mir mit leichten Bewegungen Fahrt aufnimmt. „Wohin?“, fragt sie mich an einer Weggabelung. – „Nach links“, entscheide ich, nehme elegant die Kurve und skate weiter hinter ihr her. Achtung! Anderer Belag und … oje, schon wieder Gehwegplatten und … - ah! Eine weite Strecke mit glatten Asphalt, etwa 400 Meter lang. Genau das Richtige, denke ich, um ruhig und halbwegs gelassen dahinzugleiten. Aber dann ertönt der Ruf meiner Tochter: „Papa! Fang mich!“, dem ein rasanter Antritt folgt, mit dem sie in Sekundenschnelle zehn, zwanzig Meter zwischen uns legt. „Fangen?“, frage ich erstaunt. „Ich bin froh, dass ich auf den Dingern stehen kann! Wie soll ich dich da fangen?“ Jetzt springt sie auch noch in die Luft, kommt auf mich zugerollt, schlägt mich kurz ab, sagt: „Hab dich!“, dreht sich um und inlinert mit dem Ruf „Du bist!“ davon. „Na warte!“, rufe ich, lege mich mächtig ins Zeug und rase hinter ihr her. Rase, sage ich, denn mit jedem Schritt nehme ich mehr Geschwindigkeit auf, erreiche sie schließlich und … - nein, fangen kann ich sie nicht. Wie denn? Dazu müsste ich abrupt stoppen. Kann ich aber nicht, also rolle ich vorbei – und lache! So geht es hin und her. Mal skatet sie hinter mir her, mal versuche ich, sie einzuholen. Aber ihre Fähigkeit, schnell zu stoppen und auf kleinem Raum eine Kurve zu fahren, ist den meinen himmelweit überlegen. „Komm, lass uns mal bis zum Ende des Weges fahren“, schlage ich vor. Nach vierhundert Metern geht es nach links, dann ein Stück über das Pflaster des Fußgängerwegs, bis wir schließlich wieder im Landschaftspark sind, aber der Weg besteht jetzt nur noch aus – oh Schreck! – Gehwegplatten. „Oh nein“, sage ich, „das ist ja vielleicht anstrengend! Ich muss mich so verdammt konzentrieren.“ – „Gar nicht“, sagt meine Tochter, „du musst einfach nur rollen.“ – „Danke für den Hinweis“, entgegne ich, „aber der bringt mich jetzt auch nicht weiter“. Nachdem wir eine halbe Stunde – ich weniger, sie mehr – elegant dahingeglitten sind, wird es meiner Tochter langweilig. Nur-Rollen genügt ihr nicht mehr. Der Aufforderung, sie zu fangen, will ich hingegen auch nicht mehr nachkommen, weil sich mit zunehmender Erschöpfung ein Mangel an Konzentration einstellt, der die Gefahr heraufbeschwört, dass ich doch noch auf der Nase lande. „Lass uns noch einmal hoch und runter fahren“, schlage ich vor. – „Nö“, sagt sie, „das ist langweilig. Ich will Kunststücke machen.“ – „Kunststücke? Mit den Inlinern?“, frage ich sie. – „Ja!“, erwidert sie. – „Ich stehe jetzt zum fünften Mal auf diesen Rollen“, sage ich, „und ich bin froh, dass ich noch nicht hingefallen bin. Kunststücke … oh je, daran will ich gar nicht denken. Ich habe herausgefunden, wo es tolle Inliner-Strecken gibt in der Stadt. Hast du Interesse.“ – „Ne“, sagt sie, „ich will Kunststücke machen.“ Ich seufze. Während es mir genug ist, mit den Inlinern zu fahren, möglichst geradeaus auf glattem Belag, drängt die Abenteuerlust meines Kindes nach Waghalsigerem. Verstehe ich, denn als Kind fand ich nichts Aufregender, als auf Rollschuhen oder mit dem Fahrrad oder dem Ket-Car den steilen Berg hinabzusausen, ohne die Gefahren zu bedenken, die damit verbunden waren. „Dann muss ich noch üben“, sage ich. „Wenn du das nächste Mal hier bist, machen wir Kunststücke.“

Ein gewagtes Versprechen, aber: Top, die Wette gilt!

 

15. Juni 2018

Copyright 2018 Hubertus Tigges

 

 

 

 

Neulich … unterwegs und …- nur das!

 

17. November 2017. Um drei Uhr dreißig ist die Nacht für mich vorbei. Heute, so ist es angekündigt, hat das Novembergrau Pause. Keine Regenwolken, sondern blauer Himmel. Ein Tag des Lichts. Ich will wandern. Das habe ich mir am Vortag vorgenommen. Doch dann bin ich ins Bett gegangen, ohne den Rucksack gepackt zu haben. Ich kann nicht schlafen. Immer wieder wache ich auf. Um halb vier schließlich ist an Nachtruhe nicht mehr zu denken. Um 4.15 Uhr stehe ich auf, hole meinen Rucksack vom Regal und beginne ihn zu packen: Matschhose, ein T-Shirt, Autan, obwohl ich das sicher nicht mehr brauchen werde, denn die Mücken – und die vermaledeiten Hirschlauskäfer! - haben ihren Lebenszyklus in diesem Jahr gnädigerweise vollendet. Hoffe ich. Ich fülle den Wasserkocher, stelle meine Thermoskanne auf den Tisch, koche Kaffee. Schmiere Brote. Um halb sechs ist alles vorbereitet. Ich lege mich wieder aufs Bett und spüre Müdigkeit. Ich habe noch eine Stunde Zeit, bis die Tram fährt. Ich lese, schließe die Augen, denke nach über die absurden Verwerfungen in meinem Leben, frage mich zum millionsten Mal, was dieser Unsinn soll. Dieses Dasein. Dieses Leben. Und zum millionsten Mal finde ich keine Antwort darauf. Kein Sinn. Absurdität. Kälte. Anteilnahmslosigkeit. Ein Traum. Ich rezitiere das Herz-Sutra. Das Heilergebet. Ich sage „Ja“. Ich probiere es mit der Vipassana-Methode: Form, Wahrnehmung, Empfindung, Gedanken, Bewusstsein – alles ist unbeständig, leidvoll, ohne Selbst. Leer. Ein Traum. Ich lasse los, und ich bin frei. Ich lasse los, und ich bin frei. Ich atme einmal tief ein und aus und seufze: Ja, so ist das! Der buddhistische Gelehrte und Mönche mit dem unaussprechlichen Namen Bhante Henepola Gunaratana hat ein tolles Buch geschrieben: Von der Achtsamkeit zur Sammlung. Kein Lese-, sondern ein Lebensbuch. Das dort Beschriebene kommt dem, was ich als „Wahrheit“ bezeichnen möchte, sehr nah. Die Meditationspraxis führt an manchen Tagen in eine Stille, die nicht von dieser Welt zu sein scheint. An anderen Tagen – oder Nächten, so wie dieser – leider nicht. Das neuronale Substrat meines Gehirns spinnt wieder ätzende Netzwerke, die schmerzen. Dabei sind das alles nur Illusionen. Nichts von dem ist wahr. Nichts von dem ist wirklich. Meine Wirklichkeit besteht aus dem, was chemische Botenstoffe und elektrische Impulse im Neokortex, im limbischen System, im Stammhirn, in all den anderen Regionen des Gehirns, die ich hier nicht mit Namen nennen will, sich in einem scheinbar willkürlichen Tanz zusammenzaubern. Scheinbar willkürlich, denn tatsächlich funktioniert das Gehirn entsprechend den evolutionären Vorgaben, die ich mit mir herumschleppe. Eigentlich dient das unablässige Tätigsein von unzähligen Neuronen meinem Überleben. Irgendwie. Dass ich manchmal den gegenteiligen Eindruck habe …- tja, das soll mir mal bitte jemand erklären.

 

Als ich die Wohnung verlasse und in den Hof trete, sehe ich Wasserpfützen. Nassen Stein. Und oben am Himmel dunkle Regenwolken. Wie bitte?, denke ich. Das entspricht aber nun gar nicht der Vorhersage. Egal. Soll es regnen. Ich will in den Wald. Raus aus der vermieften Stadt mit ihrem Gestank aus Schornsteinen und Automobilmotoren. Mit der Tram fahre ich zum S-Bahnhof, kaufe mir dort am Automaten eine Fahrkarte nach Melchow, gehe zum Bahnsteig und warte auf den Zug. 6.53 Uhr fährt er ein. Es ist Freitag, die Abteile sind voll. Am Ostkreuz wird es leer, am Bahnhof Lichtenberg wieder voll. Eine Frau schaut sich ein Kinderbuch an. Drei junge Männer unterhalten sich über die Vorzüge verschiedener Automobile. Eine grimmig dreinschauende Dame bearbeitet ihr Smartphone. Eine andere blickt mit traurigem Blick hinaus. Zwei Studenten unterhalten sich über die Probleme, die die Zusammenarbeit mit anderen bei der Abfassung eines Exposees verursacht. Mein Rucksack ruht auf meinen Oberschenkeln. Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich gespiegelt die müden Gesichter der Mitreisenden. Also schaue ich nicht aus dem Fenster, sondern schließe die Augen. Aber wenn ich die Augen schließe, gibt der Hörsinn einen maximalen Input. Das gefällt mir auch nicht, daher öffne ich die Augen wieder, schaue durch die gespiegelten Gesichter der Mitreisenden hindurch in das sich in der Morgendämmerung öffnende Land hinter der Stadtgrenze Berlins. Weniger Wolken. Tatsächlich. Dort oben sehe ich wolkenfreien Himmel. Na bitte …

 

Melchow. Ich gehe die dreihundert, vierhundert Meter durch den Ort zur kleinen Bäckerei, in der er herrlich duftendes, fettiges und mit Zucker übersätes Backwerk gibt. Das esse ich sonst eher selten, doch wenn ich von Melchow nach Wandlitz oder Leuenberg wandere, hole ich mir in dieser Bäckerei immer eine Apfeltasche oder eine Wecke. Heute auch einen Kaffee, obwohl meine Thermoskanne gefüllt ist. Als ich in die Wecke beiße, explodieren die Geschmacksnerven und signalisieren: Glück! Fett und Zucker. Ich weiß nicht, womit hier gebacken wird, ob es nur Butter ist, die diesen Geschmack provoziert oder ein Öl, aber der Teig scheint geradezu davon getränkt. Während ich mich am Vortag noch mit Rohkost – Karotten, Eisbergsalat, Gurke, Tomate, Zucchini – durch den Tag gebracht habe in dem Bewusstsein, dass ich mich ja gesund ernähre, könnte ich an diesem Morgen vor Freude in die Luft springen angesichts dieses herrlichen Stücks Ernährungssünde. Aber ich bin ja zwanzig Kilometer unterwegs, da kann ich es mir wohl gefallen lassen.

 

Von Melchow nach Biesenthal gehe ich durch den Novemberwald, dessen dürftiges Laubwerk von der Morgensonne beschienen wird und golden – gülden - leuchtet. Es ist kühl, nicht kalt, ich atme die wundervoll frische Morgenluft ein und lasse die Gedanken kommen und gehen. Der „Affengeist“ hat Ausgang, soll er laufen, wohin er will. Das ist ja gerade der Zweck dieser Übung: Während des Wanderns löst sich so viel vom Seelengrund, was während des Aufenthaltes in der Stadt nicht hochkommen mag. Ich gehe. Fühle. Denke. Es entsteht. Ist da. Vergeht. Kommt und geht in einem unendlichen Feld des Gewahrseins. Ist das wahr? Ist das wirklich?

 

Was bin ich? Wer bin ich? Im höchsten Yoga-Tantra ist die Antwort auf diese Frage: vollkommene Glückseligkeit und Leerheit aller Phänomene. Das gefällt mir. Vollkommene Glückseligkeit. Das gefällt mir deshalb, weil ich es die überwiegende Zeit meines Daseins nicht bin: vollkommen glückselig. Die Leerheit aller Phänomene. Das begreift man nicht so einfach, weil es der Art und Weise, wie wir durchs Leben gehen fundamental widerspricht. Alles ist leer von inhärenter Existenz. Nichts existiert in sich und aus sich heraus. Aus dem Verständnis dieses Umstandes entsteht Freiheit. Aber so leben wir nicht. Wir existieren, als ob jeder Aspekt unseres Lebens in Stein gehauen und unveränderlich ist. Was für ein Unsinn! Man probiere es einmal mit der vollkommenen Negation der vorgenannten Substantive: kein Ich, kein Yoga-Tantra, keine vollkommene Glückseligkeit, keine Leerheit (eben: nicht einmal das!), keine Zeit, kein Dasein, keine Phänomene, kein Leben, keine inhärente Existenz, keine Freiheit (oha!), kein Unsinn (wie tröstlich). Na, wie schmeckt das? … eben!

 

Ich gehe durch den Wald und singe. Ich rezitiere Mantras. Zu Beginn einer jeden Wanderung nehme ich mir vor, nur bei dem einen Mantra zu bleiben oder fortgesetzt das Herz-Sutra zu rezitieren oder das Vater unser oder das Gottesgebet. Funktioniert nie. Das Gehirn beginnt nach einer gewissen Zeit, Langeweile zu empfinden und will etwas Neues. Was ich – wer ich? – ihm – bereitwillig gebe. Singen und Tönen öffnen die Seele. Es lockt oft Tränen und den Wunsch, zu schreien. Aus Wut oder Frust. Aus Überdruss. Aus Sehnsucht. Und alles ist gut.

 

Ich gehe durch Biesenthal. Am Ortsrand wird gebaut. Neue Ein- und Zweifamilienhäuser entstehen. Hinter mir rumpelt ein Lkw, der Fertigteile geladen hat, sehr langsam über die mit Schlaglöchern übersäte Straße. Ein Lidl-Discounter, ein Edeka-Markt, der neu gebaut worden ist und einen Tag zuvor eröffnet wurde. Als ich an der Grundschule vorbeikomme, habe ich den Geruch von angespitzten Buntstiften in der Nase. Es ist ein Geruch, der aus Erinnerungstiefen heraufgespült wird: Ich sehe mich in der Grundschule, wie ich Buntstifte anspitze und Bleistifte, wie ich in der Bank sitze und den Ausführungen des Lehrers lausche. Es ist mein Geruch. Meine Erinnerung. Es ist ein Flashback nach Proust´scher Manier. Einen Augenblick, eine Sekunde, so wahrhaftig, wie Erinnerung nur sein kann. In der nächsten Sekunde denke ich an meine Tochter, die nun in der zweiten Klasse ist, bei der ich nicht sein kann, die Buntstifte, Bleistifte riecht, anspitzt, deren Erfahrungen ich nicht mitvollziehen kann – und es entsteht eine Wut, aus der heraus ich den Himmel greifen und auf die Erde schmeißen möchte … Weiter … unbeständig, leidvoll, ohne Selbst … weiter … verfluchtes Leben! Dreitausendmal verfluchtes Leben … weiter … am Marktplatz nach links die Straße hinunter … an den Glascontainern nach rechts … hinein in den Wald … Endlich wieder! Einige Schritte weiter eine Holzplatte, feucht, grün bemoost. Dahinter eine Bank, auf die ich meinen Rucksack stelle und meine Thermoskanne hole, die Apfeltasche, deren Oberfläche mit Zuckerkristallen bedeckt ist. Ich blicke unverwandt in die Sonne, deren leuchtende Scheibe mich durch Raum und Zeit anblickt. Ich schaue so lange, bis es schmerzt, ich die Augen schließe und das negative Nachbild in mir lebt. Ich trinke Kaffee, schmecke den fettigen, apfeligen, zuckerigen Teig, die Wut ist vergangen und hat Traurigkeit Platz gemacht, einer weiten, unendlichen Traurigkeit. Wieso? Keine Antwort. WIESO? Keine Antwort.

 

Durch den Wald, in dem es weniger Sturmschäden gibt, als ich gedacht habe. Kreisrund klaffen Erde und Wurzelwerk um den Stamm gefallener Buchen. Gesplittertes Holz hier, akkurat gesägtes Stückholz dort, wo es galt, die Wege freizubekommen. Hier, wo die Biese fließt, es ist kühler. Die Sonne dringt nicht herein, beleuchtet nur die oberen Abschnitte der Hänge. Über eine kleine Brücke in ein verwunschenes Tal, durch das das Flüsschen plätschert, das Wasser strudelt und gluckst, schaumige Blasen wirft, wo es auf Hindernisse stößt. Hier kann ich mich vergessen, wenn ich die Augen schließe und nur lausche. Ich kann ich zum Wasser werden und einfach mitfließen. Hier kann ich vergehen. Erde. Wasser. Luft. Feuer. Alles ist da. Und alles vergeht. Ich werde zum feuchten, dampfenden Humus des Waldbodens, zum fließenden Wasser der Biese, löse mich auf in der flirrenden Luft und dem tanzenden Licht der Sonne. Von Sekunde zu Sekunde. Ich sterbe und zerfalle, werde geboren und neu erschaffen. Erde wird zu Wasser, Wasser zu Luft, Luft zu Feuer, Feuer zu leuchtender Klarheit und Leere. Nichts da. Und aus dem Nichts die leuchtende Leere und Klarheit, die sich zu Feuer wandelt, das Feuer zu Luft, die Luft zu Wasser, das Wasser zur Erde. Ich erwache, meine Augen öffnen sich, meine Füße folgen dem motorischen Befehlen, ich klettere über umgestürzte Baumriesen, verlasse diesen Ort, obwohl ich es nicht will, obwohl ich weiß, dass ich es bedauern werde, weitergegangen zu sein, aber das ist sie ja eben: Unbeständigkeit. Ich kann nichts, nichts, nichts festhalten, und wenn ich es will, werde ich leiden, weil ich mich an etwas klammere, was nicht beständig ist. Das Schöne ist nicht beständig. Das weniger Schöne auch nicht. Nicht einen einzigen Moment in meinem Leben kann ich festhalten. Ich konnte es nie. Ich litt und leide, weil ich genau das will: festhalten.

 

Auf der Oberfläche des Hellsees gleißen die Sonnenstrahlen und tanzen mit der Bewegung des Wassers. Ja, tatsächlich: ein Tag des Lichts! Am Ufer sitzt ein Mann, der zwei Angeln aufgebaut hat. Sonst kein Mensch. Gelbbraunrotes Laub bedeckt den Waldboden. Raschelnd ziehe ich meine Wanderstiefel hindurch. Von Zeit zu Zeit der Moment: Das Auge sieht das Besondere, Einzigartige, das gleichzeitig das Gewöhnliche ist. Es sieht nur. Das. Die wundervolle Gelbfärbung eines Kastaninenblattes. Ein Wassertropfen auf einem rotgefärbten Ahornblatt. Ein Erkennen vor dem Benennen, vor dem Verbalisieren. Vor dem: Oh, wie schön! Dabei ist das Nur-Sehen das Gnadengeschenk. Dieses augenblickshafte Erkennen der Vollkommenheit dessen, was ist. Das ist nicht dieser Satz, mit dem ich es hier beschreibe. Es ist im Gegenteil das Wortlose. Es ist wortlose Erfahrung der Einheit im reinen Erkennen, im Sehen, im Hören, im Riechen, Schmecken. Sekundenhaft … - und schon vorbei. Zurück bleibt: Dankbarkeit. Eine Liedzeile kommt mir in den Sinn, Unheilig: Ich danke dir für diesen einen Augenblick, ich danke dir für dieses kleine Stück vom Glück. Das bezieht sich in dem Lied auf etwas anderes, auf etwas Personales, ich weiß, aber dennoch beschreiben diese Wörter genau das, was im Obigen ausgedrückt werden sollte. Besser jedoch: Benenn es nicht! Sei es einfach! Der leuchtende Wassertropfen auf dem im Sonnenlicht strahlenden Rot des Ahornblattes. Das bist du! Jetzt. Hier. Und vorbei …

 

Der Baum, dessen unterer Stamm vollkommen ausgehöhlt ist, sodass rundum nur wenige zentimeterdickes Holz diesen hoch aufragenden mächtigen Körper tragen, hat den Sturm ebenfalls überlebt. Damit hatte ich nicht gerechnet. Aber es macht mich froh. Er ist ein Unikum, ein Singular, ein Ausrufezeichen, ein des Staunens Werter, aber ich befürchte, dass die fleißigen Wirte, die an im nagen, nicht mehr lange brauchen, um seine Stabilität endgültig zu unterminieren, sodass er in sich zusammenfällt und stirbt. Ich lege meine Hände an den Stamm, schließe die Augen und lausche, lausche mit meinen Händen den wundervollen Geschichten des Lebens.

 

11.30 Uhr: in Lobetal, am Unteren See. Das Fischrestaurant ist geschlossen. Ich sitze auf einer Bank und verzehre ein Käsebrot. Im Juli stand dort auf dem Steg im See ein Brautpaar und ließ sich fotografieren. Sie ganz in Weiß, er im Anzug. Ich wünsche ihnen Glück! Aus ganzem Herzen wünsche ich ihnen ein gelingendes Leben! Einige Hundert Meter weiter rauschen unablässig Kraftfahrzeuge über die Autobahn. Massiver, grauer Beton. Lärm und Stein lasse ich später hinter mir, als ich weiter in Richtung Liepnitzsee gehe. Die Schallwellen erreichen mich irgendwann nicht mehr, und der Wald umhüllt mich wieder mit seinem schönen Schweigen. Stille ist schön. Eine Herausforderung, sie bildhaft auszudrücken. Welche Farbe hat Stille?

 

Ein Traum im Traum ist dieser See. Zu jeder Jahreszeit. Auf der 66-Seen-Wanderung rund um Berlin habe ich viele Gewässer gesehen, aber der Liepnitzsee ist und bleibt mir ganz besonders nah. Auch an diesem Tag, an dem ich auf einer hölzernen Plattform stehe, auf deren Brettern mit roter Farbe „Privat“ gepinselt ist. Der Tag ist immer noch licht, und hier, beim Blick über das Wasser, wird er auch leicht, flirrend, schwerelos. Ich habe Lust, mich hinzulegen, lasse es aber, was ich später – natürlich – bereue. Stattdessen stehe ich und schaue und genieße die Schönheit von Wasser, Wald und sonnenklarem Himmel, denke an Tage, die wir gemeinsam hier verbracht haben, spüre den Schmerz des Vorbei und erlaube ihm nicht, dass er sich festsetzt, dieser Erinnerungsschmerz. Aber es ist auch ein Schmerz des Wir-Hätte-gemeinsam-mit-A.-hier-sein-Können, den ich jetzt mit mir nehme, nachdem ich vom Steg auf den Weg zurückgekehrt bin. Ich sage Ja dazu, irgendwie, und lasse ihn zu – und gehen.

 

Am Regenbogensee finde ich das „Lagerfeuer“, dass ich zweieinhalb Wochen zuvor mit meiner Tochter hier aufgebaut habe. Zusammengetragene Äste, aufgeschichtet, um dann zu spielen, dass wir Fische gefangen haben, die wir braten. Zuviel Erinnerung, auch wenig später, als ich die drei riesigen Buchen sehe – Opfer des Sturmes -, über deren Stämme wir balanciert sind. Die körperliche Erschöpfung indes dämpft die Ernüchterung darüber, dass sich Erfahrungen wie diese nicht in kurzen zeitlichen Abständen wiederholen lassen, weil sie nicht bei mir ist. Ich bin müde, jetzt, da es kurz vor zwei ist, und die Müdigkeit dämpft Emotionen jedweder Art. Die Müdigkeit bleibt, auch als ich gegen halb drei in den Zug in Richtung Karow steige. Von dort geht es mit der S-Bahn nicht weiter. Stattdessen ist ein Schienenersatzverkehr eingerichtet. Mit dem Bus fahre ich zum S-Bahnhof Pankow, von dort zur Bornholmer Straße und weiter in Richtung Flughafen Schönefeld. Berliner Verkehrskuddelmuddel. Aber auch das ist: nur das.

 

01.12.2017

Copyright 2017 Hubertus Tigges

 

 

Neulich … - mit meiner Tochter … unterwegs

 

Ein sehr langer Tag …

 

Wie lassen sich 1100 Kilometer am angenehmsten und schnellsten zurücklegen? Eine Wegstrecke von Berlin nach Baden-Württemberg und wieder zurück? Mit dem Flugzeug geht es vermutlich im Handumdrehen. Mit dem Auto dauert es länger und mit der Bahn …- naja.

 

Am Sonnabend vergangener Woche bin ich mit meiner Tochter nach Baden-Württemberg gefahren. Mit der Deutschen Bahn. Da ich am gleichen Tag wieder zurück in die Hauptstadt fahren wollte, bedeutete dieses Handeln vor allem: Hoffnung kultivieren. Hoffnung, dass alle Anschlüsse erreicht werden, dass kein Zug Verspätung hat, dass die Sparpreis-Tickets ihre Gültigkeit nicht verlieren. Schon drei Monate zuvor habe ich die Fahrkarten gekauft. Der Reiseplan zeigt mir, dass die Umsteigzeiten sehr knapp bemessen sind. Aber dafür ist das Hinfahr-Ticket mit 14,25 Euro auch sehr preiswert und die Rückfahrkarte mit 21,75 Euro nur unwesentlich teurer. Also: hinein ins Vergnügen …

 

Am Morgen sind wir mit der Herausforderung konfrontiert, nachdem wir mit der Tram zum S-Bahnhof Schöneweide gefahren sind, mit der Berliner S-Bahn  rechtzeitig zum Ostbahnhof zu kommen. Vorsichtshalber sind wir zwanzig Minuten früher aufgebrochen. Wegen „umfangreicher Bauarbeiten“ im Bereich des Bahnhofs Schöneweide verkehrt die S-Bahn seit einigen Tagen nur im Pendelverkehr. Pendelverkehr heißt: Wir fahren von Schönweide genau eine Station bis zum Bahnhof Baumschulenweg, wechseln dort den Bahnsteig, treppab, treppauf, und müssen 15 Minuten warten. Auf die S-Bahn, die uns weitere zwei Stationen befördern wird. Das stimmt meine Tochter nicht besonders froh. Ihre am häufigsten geäußerte Frage an diesem kühlen Morgen lautet: Papa, wann fahren wir weiter? Ich zähle die Minuten und antworte geduldig: in 12 … 10 … 5 … 2 Minuten … jetzt! Am Treptower Park mag auch diese S-Bahn nicht mehr weiter, wir wechseln wieder den Bahnsteig, treppab, treppauf, um wieder eine Station bis zum Ostkreuz zu fahren. Na, denke ich mir, dieser Slogan passt doch wieder hervorragend: Schnelle Verbindungen für eine schnelle Stadt! Dann denke ich noch kurz an meinen Laptop, dem es just an diesem Morgen gefallen hat, mir mit „disk error“ anzuzeigen, dass es von nun an einen Zugriff auf die Festplatte verweigert und … - aber das ist eine andere Geschichte.

 

Vom Ostkreuz legen wir die zwei Stationen zum Ostbahnhof aber nun wirklich in Windeseile zurück. Es ist neun Uhr. Eine Stunde haben wir gebraucht. Aber immerhin: Wir sind da. Zwanzig Minuten später sitzen wir im ICE 942 nach Hannover. Kann ja eigentlich nichts schiefgehen, denke ich. Vor uns liegen der Hauptbahnhof, der Bahnhof Spandau, Wolfsburg und Hannover. Es lässt sich von Berlin nach Mannheim auch prima ohne Umsteigen fahren, aber der Betrag für das Sparpreis Aktions-Ticket ist eben, dass wir zweimal umsteigen müssen. Man kann nicht alles haben …

 

Wir sitzen in einem ICE der neuen Generation. Mehr Beinfreiheit, ein größeres Klapptischchen, auf dem sich das Stickerheft meiner Tochter wunderbar ablegen lässt. Während sie Schulkindern für „das neue Schuljahr“ bunte Hemden, Hosen, Schuhe, Strümpfe aufklebt, lautet die Frage nun nicht mehr: Wann kommt der Zug?, sondern: Papa, wann kommen wir an? Ach, das dauert noch ein bisschen, mein Schatz!, sage ich und lehne mich zurück. Doch da meine Tochter von einer sehr freundlichen DB-Angestellten einen „Fahrschein“ bekommt, mit dem sie sich im Speisewagen Spielsachen abholen darf, verläuft die 1 1/2stündige Fahrt nach Hannover recht kurzweilig. Die Dänin Lene Kaaberol schreibt wunderbare Kinderbücher. „Wildhexe – Chimäres Rache“ ist eines davon. Gebannt lauscht meine Tochter meinem Vorlesen, und ich lass mich selbst gern in die Handlung hineinziehen. Spannend und gut erzählt. Mein Kompliment …

 

In Hannover haben wir sieben Minuten Zeit zum Umsteigen. Treppab, treppauf, schnell, schnell, aber die Eile war gar nicht notwendig, weil der Anschlusszug nach Frankfurt mit fünf Minuten Verspätung einfährt. Der Großraumwagen ist voll besetzt. Vor uns trinken vier junge Männer ein Fläschchen Bier nach dem anderen, schräg neben uns beschäftigen sich Papa, Mama, Sohn und Tochter konsequent mit sich selbst, das heißt mit dem Smartphone, dem Laptop und dem Tablet. Wir suchen in „Ich sehe was … Fantastische Bilderwelten“ Gegenstände, die geschickt in den Bildkompositionen versteckt sind, und wechseln dann zum Vorlesen, nachdem meine Tochter zunehmend häufiger verkündet hat: Papa, mir ist langweilig - und den Wunsch nach einem Tablet kundgetan hat, was Papa aber gar nicht gut findet …

 

Zweieinhalb Stunden später: Frankfurt am Main. Umsteigen in den IC, der uns eigentlich in die Stadt bringen soll, die das Ziel unserer Reise ist. Aber eine kräftige Stimme verkündet über Lautsprecher: „Sehr verehrte Reisende, bitte beachten Sie dass dieser Zug wegen umfangreicher Bauarbeiten nicht in den Städten … halten wird. Umfangreiche Bauarbeiten? Hatten wir doch schon. Blöd, denke ich, denn wenn der IC nicht in der Stadt unserer Wahl hält, dann werde ich eine halbe Stunde später auch nicht von dort mit dem IC zurückfahren können, weil der dort mutmaßlich auch nicht Station macht. Nein, sagt der Schaffner, den ich zehn Minuten später anspreche, der hält nicht da. Tatsächlich gibt es diese Verbindung gar nicht. – Steht doch in meinem Reiseplan, sage ich und halte ihm das Papier unter die Nase. Wann haben Sie denn die Tickets gekauft? Vor drei Monaten. Zwischen den Augenbrauen des Schaffners bildet sich eine steile Falte, er tippt auf seinem Smartphone herum und sagt schließlich: Sie müssen den Zug um 15.43 Uhr nehmen und dann ab Mannheim wieder nach Frankfurt fahren. Aber wie, wenn wir erst gegen 15.10 Uhr in Mannheim sind. Wir müssen von dort ja noch weiter. Der Mann zuckt mit den Schultern. Zur Not müssen Sie eben die Zugbindung aufheben lassen … und geht weiter. Siehst du, sage ich zu meiner Tochter, jetzt hätte ich wirklich gerne ein Auto. – Mm …, sagt sie und kleidet Jungen und Mädchen weiter für das neue Schuljahr ein.

 

Mannheim. Die S-Bahn in die Nachbarstadt fährt erst um 15.30 Uhr und hat außerdem fünf Minuten Verspätung. Geht nicht, sage ich und wechsle, treppab, treppauf, mit meiner Tochter mal wieder den Bahnsteig. Ein IC nach Stuttgart fährt um 15.23 Uhr. Sollte fahren, aber auch der hat 5 Minuten Verspätung, aber 15.28 ist besser als 15.35 Uhr. Das würde knapp in Bezug auf die Rückfahrt um 15.43 Uhr, ein lang andauerndes Abschiednehmen von meiner Tochter entfiele …

 

Mist! Ich bin genervt!

 

Um 15.41 Uhr sind wir da. Vier Gleise entfernt steht der 15.43 Uhr-Zug. Papa, du musst laufen!, sagt meine Tochter. Aber Papa hat null Bock, zu laufen, denn es bleiben ihm noch 30 Sekunden. Als ich auf den Bahnsteig trete, ist die S-Bahn noch nicht abgefahren. Aber der Türöffner reagiert auch nicht mehr. Dann macht es PiepPiepPiep und die Bahn fährt an. Und ab. Ohne mich.

 

Ich möchte die Zugbindung aufheben lassen!, sage ich zwei Minuten später zum Angestellten der DB am Info-Stand. Der zeigt Verständnis für meinen Wunsch, nachdem ich die Reisepläne für Hin- und Rückfahrt und die Fahrkarten auf dem Tresen drapiert und ihm die Situation erklärt habe. Er stempelt das Ticket entsprechend und druckt mir noch einen Reiseplan für den Weg zurück nach Berlin aus. Sehr nett. Vielen Dank. Der führt nun nicht mehr über Frankfurt und Hannover, sondern nur über Mannheim. Um 16.32 Uhr steige ich dort in den ICE, kaufe mir im Bordrestaurant einen großen Becher Kaffee und lasse mich erschöpft in einen freien Sitz fallen. Blöder Stress!, denke ich, aber immerhin, versuche ich, das Gute an der Sache herauszukitzeln, entfällt weiteres Umsteigen.

 

Um halb zehn Uhr bin ich am Hauptbahnhof. Ich denke an meine Tochter, an die Tage, die ich mit ihr verbracht habe, und spüre Traurigkeit, die sich in mir ausbreiten will wie schleichendes Gift. Aber: Es warten ja noch „umfangreiche Bauarbeiten“ auf mich, die zwischen dem Berliner Hauptbahnhof und meiner Wohnung liegen. Mit der S-Bahn fahre ich zum Ostkreuz, steige um in die Ringbahn und lasse mich eine Station bis zum Treptower Park bringen, denn die „schnellen Verbindungen für eine schnelle Stadt“ laufen immer noch so langsam und umständlich wie am Morgen. Umsteigen in die Bahn zum Baumschulenweg. Von dort weiter nach Schöneweide. Endbahnhof, verkündet eine Automatenstimme. Das Ende der Fahrt ist erreicht und alle Passagiere mögen bitte aussteigen. Weiterfahrt zum Flughafen Schönefeld mit dem Schienenersatzverkehr, d. h. mit Bussen, vom Bahnhofsvorplatz …

 

Auf die nächste Tram warte ich nicht, stattdessen gehe ich zwanzig Minuten zu Fuß nachhause. Gegen 22.45 Uhr bin ich wieder in der Wohnung. Fünfzehn Stunden bin ich unterwegs gewesen. Spaß macht das nicht. Wenn es die Option gäbe, würde ich mit dem Auto fahren. Oder fliegen. Als ich den Laptop einschalte, sagt der nur: „disk error“. Meinetwegen, denke ich und schalte ihn wieder aus. Darum kümmere ich mich morgen.

 

19.06.2017

Copyright 2017 Hubertus Tigges

 

 

 

Neulich … - mit einem guten Freund

 

„Er schweigt“, sagt mein Freund und blickt an mir vorbei auf die Fußgänger, die vorbeihasten, geduckt unter Regenschirmen, den Pfützen ausweichend, die sich auf dem Bürgersteig gebildet haben. Der Himmel ist wolkenverhangen, von Zeit zu Zeit lässt sich die Sonne blicken, ein kurzes lichtes Intermezzo zwischen zwei Regenschauern, die den Tag ungemütlich sein lassen.

 

„Wer?“, frage ich.

 

„Gott“, sagt mein Freund, „Gott schweigt!“

 

„Richtig erfolgreich war die Gesprächsführung ja wohl nur mit Herrn Neal Donald Walsch“, sage ich.

 

„Das stimmt“, sagt mein Freund, „lukrativer haben sich Gespräche mit Gott wohl nie vermarkten lassen“.

 

„Was erwartest du?“, frage ich ihn.

 

„Trost“, sagt er, „was denn sonst? Er soll mir nicht die Rätsel des Universums erklären, nein, ich will lediglich ein wenig Hilfe in schwieriger Zeit. Aber was ist? Schweigen. Und das immer dann, wenn es mal wieder ganz besonders ätzend ist und ich vor Verzweiflung weder ein noch aus weiß.“

 

„Vielen Dank“, sage ich zu der Bedienung, die eine Tasse Cappuccino auf den Tisch stellt. Wir sitzen in einem Café in Mitte, es ist Ostermontag.

 

„So wie vorgestern“, sagt mein Freund. „Mein Junge war eine Woche bei mir zu Besuch.“

 

„Ist doch toll“, sage ich.

 

„Ja, das war es auch. Seitdem er eingeschult wurde, sehe ich ihn nur noch in den Ferien.“

 

„Das ist nicht so gut“, erwidere ich.

 

„Nein, ist es nicht“, sagt mein Freund und schaut wieder an mir vorbei in den fallenden Regen.

 

„Zieh doch nach Hamburg“, schlage ich vor.

 

„Ich bemühe mich, eine Wohnung dort zu finden“, sagt er, „stell dir vor. Was ich in München mache, kann ich auch in Hamburg erledigen.“

 

„Klasse“, sage ich und trinke einen Schluck von dem Cappuccino.

 

„Vorgestern habe ich ihn seiner Mutter übergeben“, sagt er.

 

„Bist du nach Hamburg gefahren?“

 

„Nein“, antwortet er, „sie ist nach München gekommen, weil sie noch einen Abstecher zu ihrer Großmutter machen will. Mir war schon am Morgen des Tages ganz flau im Magen. Jeden Tag haben wir etwas gemeinsam unternommen: Hallenbad, Kletterpark, Kino … Am Abend vor dem Einschlafen habe ich ihm vorgelesen und am Morgen nach dem Aufwachen habe ich dort weitergemacht, wo ich am Abend aufgehört habe, weil er, kaum hatte er seine Augen aufgeschlagen, forderte: Papa vorlesen!“ Mein Freund lächelt.

 

„Hört sich doch alles sehr schön an“, sage ich.

 

„Eine Woche intensives Zusammensein und dann: Schnitt! Er steigt mit seiner Mutter in die S-Bahn und ist verschwunden, und ich weiß, dass ich ihn erst in vier, fünf Wochen wiedersehen werde.“ Er schlägt die Hände vors Gesicht. „Das ist der Augenblick, in dem das Herz gefriert, jemand mit einem kleinen Hämmerchen draufhaut, und es in tausend Stücke zerspringt. Ich schaue der S-Bahn hinterher und denke: Verfluchter Mist! Ich frage mich, wieso wir es nicht geschafft haben. Dann wallt eine irre Wut in mir auf: auf diese Frau, die sich meinen Sohn geschnappt hat …“

 

„… naja, geschnappt“, sage ich.

 

Der Blick meines Freundes verfinstert sich: „Genau das: geschnappt. Sie hat sich das Kind genommen, gesetzlich legitimiert, weil dieses krude Rechtssystem den Frauen alle Rechte zuspricht im Falle einer Scheidung …“

 

„… nicht alle …“, versuche ich zu relativieren.

 

„… alle Rechte zuspricht im Falle einer Scheidung, und das bezieht sich vor allem auf das Kind oder die Kinder, wenn es sie in der Ehe gibt. Kennst du einen Mann, dem nach der Scheidung das Kind zugesprochen wurde?

 

„Nö“, konzediere ich.

 

„Der Mann … der Mann ist immer der Angeschmierte. Aber ich habe doch kein Kind gezeugt, mich vier Jahre um ihn gekümmert Tag für Tag, damit sich diese … diese …“

 

„Sag es nicht“, bitte ich ihn.

 

„… diese Frau meinen Sohn krallt und fortan über ihn verfügen kann …“

 

Regentropfen schlagen gegen die Fensterscheiben des Cafés.

 

„Warum?“, fährt mein Freund fort. „Ich stehe auf dem S-Bahnhof und frage mich: Warum? Ich erinnere mich an die guten Jahre, die ich mit dieser Frau verbracht habe, an die Zeit der Schwangerschaft, die ersten Monate, Jahre mit unserem Kind … - und dann ihre Ankündigung: Ich lasse mich scheiden … Ich blicke auf mein Leben zurück und verstehe es nicht mehr. Gar nichts mehr daran. Es erscheint mir wie ein absurdes Theaterstück, in dem keine einzige Handlung zueinanderpassen will. Dann drehe ich mich um, warte auf die S-Bahn, die in die Stadt fährt, und spüre, wie die Niedergeschlagenheit sich in mir ausbreitet. Die schwarze Hand, die sich dort einnistet, wo eben noch ein Herz schlug. Ich frage: Warum? Aber es gibt keine Antwort. Er schweigt. Stattdessen erlebe ich ein Kaleidoskop von Gedanken und Gefühlen, Erinnerungen – und alles ist Schmerz. Kein Gott“, sagt mein Freund.

 

„Vielleicht sind das seine Worte“, gebe ich zu bedenken.

 

„Nein! Unmöglich! Von wem reden wir denn hier? Von einem liebenden Gott, oder? Was hat er für ein Interesse daran, dass ich mich vor die nächste S-Bahn werfe?“

 

Ich atme hörbar ein und aus. „Machst du nicht“, sage ich.

 

„Wer weiß“, sagt mein Freund. „In einer absurden Welt kann ich nicht leben. Will ich nicht leben. Ich will in keiner Welt leben, in der mich die Wut zerfrisst … auf diese Frau … auf dieses bescheuerte Rechtssystem … Weißt du, ich habe oft das Gefühl, er spielt mit uns. Du erlebst etwas Schönes, Erfüllendes, Wunderbares. Eine tolle Beziehung, Verständnis, gegenseitige Achtung und Respekt, du erlebst, wie dein Kind zur Welt kommt, siehst es aufwachsen, alles ist gut und schön und dann, von einem Tag auf den anderen wird das Tableau herumgedreht, und du findest dich nicht mehr im Himmel, sondern in der Hölle. Und“, fügt er hinzu, „du weißt nicht einmal wieso eigentlich. Was ist passiert? Was ist schief gelaufen? Was hast du falsch gemacht? Fragen über Fragen über Fragen und …“

 

„… keine Antworten“, ergänze ich den Satz.

 

„Genau“, sagt mein Freund und lehnt sich zurück. „Keine Antworten. Weil er schweigt. Aber damit nicht genug: Alles schweigt! Nichts gibt dir Hilfe! Gar nichts! Ich will einfach nur mit meinem Kind zusammen sein! Aber seit vier Jahren bin ich es nicht mehr. Das Natürlichste auf der Welt, der Vater, der mit seinem Sohn zusammen ist, wird ihm verwehrt, weil diese … diese …“

 

„… sag es nicht“, ermahne ich ihm noch einmal.

 

„Kein Sinn! Es macht alles keinen Sinn!“

 

„Du meinst, das Sinngebende ist sein Wort?“

 

„Ja“, erwidert mein Freund, ohne zu zögern.

 

„Das Sinngebende ist die Liebe“, erwidere ich. „Und die ist immer da.“

 

Mein Freund runzelt die Stirn. „Das kann nur jemand sagen, bei dem alles schön geordnet ist. Frau, Kind, Beruf. Keine Sorgen. Klar, alles ist eingebunden in die allumfassende Liebe.“ Der sarkastische Unterton in seiner Stimme ist nicht zu überhören. „Spüre ich nicht“, fährt er fort. „Ich sitze in der S-Bahn und fahre in das nächste Kaufhaus, weil ich mich am Ostersamstag mit vielen, vielen Menschen um mich herum und Kaufen, Konsum ablenken muss. Ich weiß, ich muss irgendwann zurück in die Wohnung, und da warten Playmobil-Figuren und Lego-Bausteine, da warten Kinderbücher und Spiele, die wir gemeinsam gespielt haben und …“

 

„… das ist vorbei“, sage ich. „Du hast deinem Sohn alle Aufmerksamkeit und Liebe gegeben, die du ihm geben konntest und …“

 

„Ja!“, sagt er, „aber ich will bei ihm sein! Jeden Tag!“ Er schüttelt seinen Kopf. „Absurd ist das alles. Das ist keine göttliche Ordnung, in der wir leben, sondern ein sinnloser Ablauf von Ereignissen, die sich zwar kausal aufeinander beziehen – eine Ursache bringt eine Wirkung hervor -, aber es ist keine liebende Macht, die all das steuert.“

 

„Doch“, widerspreche ich, „davon bin ich überzeugt.“

 

„Weil du in einer wunderschönen kleinen Familie lebst mit liebender Frau und Tochter, weil es keine Probleme gibt, weil ...“, mein Freund winkt ab. „Entschuldigung, das sollte sich jetzt nicht so anhören, als ob ich dir dein Glück neide.“

 

„Schon in Ordnung“, sage ich. Von einem Moment zum nächsten erhellt Sonnenlicht die Szenerie auf der Straße, bringt Farben zum Leuchten, die ich bisher gar nicht wahrgenommen habe, um im nächsten Moment wieder im Schatten einer dunklen Wolke zu verschwinden.

 

„Ich sitze in der Wohnung vor den Spielsachen, starre sie an, Minuten vergehen, unzählige Erinnerungen an diese eine Woche gehen mir durch den Sinn, ich weiß, ich sollte ins Bett gehen oder aufräumen, damit ich wieder in meine Lebensroutine komme, aber ich mache das nicht. Stattdessen sitze ich da und warte … auf sein Wort.“

 

„Ein tröstendes Wort als Streicheleinheit“, sage ich.

 

„So ungefähr“, sagt mein Freund. „So etwa wie: Mut! Zuversicht! Alles ist gut! Klar, das sollte ich alles in mir empfinden, mache ich aber nicht. Stattdessen ziehe ich mir um Mitternacht meine Laufschuhe an und renne eine halbe Stunde durch die Straßen. Auf die Idee, den Ostergottesdienst zu besuchen, bin ich gar nicht gekommen … Ostersonntag habe ich mich in den Zug gesetzt, um hierher zu fahren.“

 

„Wenn all das … seine Worte sind?“, gebe ich zu bedenken.

 

Mein Freund schaut mich schweigend an. Dann schüttelt er den Kopf. „Heute Abend“, sagt er, „fahre ich zurück nach München.“

 

19.04.2017

Copyright 2017 Hubertus Tigges

 

 

 

 

 

Neulich ... - in der großen Stadt

 

Edisonsstraße, Ecke Griechische Allee. Über der Ampelanlage ist das Straßenschild angebracht: auf weißem Grund in schwarzen Buchstaben: Edisonstraße. Das Schild ist grau umrandet. An der unteren Einfassung in seiner Mitte ein kleineres Kästchen, in dem die Hausnummern für diesen Straßenabschnitt angegeben sind.

So weit, so gut.

Auf dem Straßenschild indes steht in einer Höhe von 3,50 bis 4 Metern eine kleine, 10 bis 15 cm hohe Figur. Geschlecht: unbestimmt. Sie hat ihre Arme nach links und rechts ausgebreitet, so als ob sie gleich hinunterspringen möchte. Oder hinauf in die Luft. Vielleicht möchte sie auch die ganze Welt umarmen. Hätte sie ja mal nötig, die Welt, denke ich, dass mal einer kommt, der sie herzlich umarmt. Liebevoll. Zärtlich. Der mal sagen würde: Hört doch endlich auf mit euren blöden Kriegen! Hört doch endlich damit auf, euch gegenseitig die Butter vom Brot zu klauen! Hört endlich damit auf, eure kleinen Kinder auszubeuten!

Wie ich vor Kurzem gelesen habe, waren im Jahre 2013 265 Millionen Kinder weltweit erwerbstätig. Wobei "erwerbstätig" ja ein Euphemismus ist. Zur Arbeit gezwungen aus Armut und Not, trifft es wohl besser.

265 Millionen!

"Unter ihnen sind 85 Millionen Mädchen und Jungen in gefährlicher Arbeit: Sie arbeiten an gefährlichen Orten wie Steinbrüchen oder kommerziellen Plantagen, sie leisten Nachtarbeit, haben viel zu lange Arbeitszeiten oder werden wie Sklaven gehalten." (terre des hommes, http://www.tdh.de/was-wir-tun/arbeitsfelder/kinderarbeit/daten-und-fakten.html)

85 Millionen!

Das ist unfassbar! Empörend! So empörend wie die Tatsache, dass Kinder auf der Flucht vor dem Horror des Krieges in Syrien im Mittelmeer ertrinken.

Irre Welt, denke ich. Und: So einen kann es ja gar nicht geben, der die ganze Welt umarmt und in Liebe tränkt. Es scheinen sich nur immer wieder solche Menschen in den Vordergrund zu drängen wie der Präsidentschaftskandidat der Republikaner in den USA, der angekündigt hat, extreme Foltermethoden zu legalisieren, um damit mit den islamischen Extremisten gleichzuziehen (aus: Zeit Online vom 7.03.2016, "Trump will Foltergesetze verschärfen lassen, http://www.zeit.de/politik/ausland/2016-03/us-wahl-donald-trump-folter-gesetze-aendern). Um damit selbst zum Extremisten zu werden. Kurioserweise demokratisch legitimiert. Wer wissen will, was „extreme Foltermethoden“ sind, möge den Artikel von Christoph Sydow „Fotos aus Syriens Folterkerkern: 28.707 Beweise gegen Assad - aber keine Anklage“, erschienen am 06.03.16 bei „Spiegel Online“ lesen (http://www.spiegel.de/politik/ausland/syrien-28-707-beweise-gegen-baschar-al-assad-keine-anklage-a-1080741.html).

Irre Welt, denke ich wieder, in der man es mit dem Aufruf zu Hass und Gewalt - vermeintlich - bis zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika bringen kann.

Von meinem Standort aus sehe ich das kleine Männchen, seine Umrisse, dann schaue ich an ihm vorbei und erblicke etwa einhundertfünfzig Meter weiter ein Kreuz. Das steht auf dem Turm der St. Antonius-Kirche, der sich backsteinrot gegen den grauen Morgenhimmel abhebt. Die Welt umarmen. Sie einladen und sie willkommen heißen in Liebe. Böses nicht mit Bösem vergelten, sondern mit Gutem, mit Liebe. Die Geschichte des Mannes, der mit dieser unerhörten Botschaft vor annähernd zweitausend Jahren auftrat, endete in einer brutalen Exekution, in der Kreuzigung - um in der nachfolgenden Auferstehung eine Wirkung zu entfalten, die bis heute Bestand hat. Betritt man die St. Antonius Kirche durch das Hauptportal, schaut man durch den Mittelgang auf ein großes Kreuz, das über dem Altarraum angebracht ist. Eine Darstellung des Leibes Christi ist dort zu sehen, durch seine Handflächen sind Nägel getrieben, ebenso durch seine Füße. Was hätte er heute für eine Chance, wahrgenommen zu werden mit seiner Botschaft?

Der Heiland breitet noch weiter seine Arme aus, um die Welt zu umgreifen, aber wirksam kann seine Botschaft nur sein, wenn wir die Arme nicht in Abwehr vor der Brust verschränken, sondern sie weit öffnen, um die Welt zu umarmen. Macht auch keinen Sinn, auf einen neuen Heilsbringer zu warten, an dem sich dann die Verantwortung für das eigene Handeln delegieren lässt. Besser ist es, selbst die Arme auszustrecken, gaaaannnzzz weit … Können wir jederzeit mit anfangen, denke ich und schaue auf das kleine Männchen auf dem Straßenschild.

Warum eigentlich nicht?

 

03.03.2016

Copyright 2016 Hubertus Tigges